TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" Donnerstag, 19. November 2015, von Peter Nindler: "Der Preis der Sicherheit"

Innsbruck (OTS) - Den Hochsicherheitstrakt für die zivilisierte Welt gibt es nicht, so wie die Sehnsucht der Franzosen nach rascher Normalität nur ein Wunschtraum bleibt. Gleichzeitig werden friedliche Olympische Spiele mit Milliarden vor dem Terror abgeschirmt.

Man muss dem deutschen Innenminister Thomas de Maizière eigentlich dankbar sein. Wie kein anderer verkörperte der oberste Staatsschützer nach dem wegen einer Terrorwarnung abgesagten Fußballländerspiel die derzeit um sich greifende Hilflosigkeit in Sicherheitsfragen. Schlage man solche Hinweise in den Wind, könne das fatale Auswirkungen haben, sagte er. „Nehme man jeden Hinweis für bare Münze, dann betreiben wir das Geschäft derer, die mit diesen Hinweisen Angst und Schrecken verbreiten wollen.“ In de Maizières Aussagen vereinen sich sicherheitspolitische Machtlosigkeit und das Ohnmachtsgefühl nach den Terroranschlägen von Paris. Und als er schließlich auf die Hinweise für die Absage zu sprechen kam, irritierte seine Feststellung: „Ein Teil dieser Antworten würde die Bevölkerung verunsichern“, mehr als sie zur Beruhigung diente.
Geht es uns nicht allen so? Den Hochsicherheitstrakt für die zivilisierte Welt gibt es nicht, obwohl uns das gerne mit Milliardenausgaben für die Sicherheit vorgegaukelt wird. Trotz weltweiter Vernetzung der Sicherheitsbehörden bis an oder über die verfassungsrechtlichen Grenzen der Cyber-Überwachung bleibt die Alltags-Verletzlichkeit. Die französische Hauptstadt erfährt dies in einem noch nie gekannten Ausmaß. Der Alltagstrott wird herbeigesehnt, doch die Normalität kann nur schwerlich zurückkehren; wegen Freitag, aber auch wegen Charlie Hebdo vor zehn Monaten.
Was heißt das alles aber für die nach Großveranstaltungen gierende (Sport)Welt, für die unzähligen Gipfel der Großen und Mächtigen, die internationalen Konferenzen auf allen Erdteilen? Die Antwort ist einfach: Kosten. Sotschi war wahrscheinlich während der Olympischen Winterspiele der sicherste Ort auf der ganzen Welt. 37.000 Sicherheitskräfte patrouillierten Tag und Nacht, 2,81 Milliarden Euro gab Russland dafür aus. Wie schon zuvor London symbolisierte Sotschi friedliche Spiele im Ausnahme- bzw. Kriegszustand; im Sinne der olympischen Idee eigentlich eine perverse Vorstellung. Bei der Fußballeuropameisterschaft werden im Juni 2016 461 Mio. Euro in die Abschirmung vor Terror und Gewalt fließen, für Hamburgs Olympiabewerbung 2024 sind bereits 1,38 Milliarden veranschlagt. Sicherheit hat heute einen hohen Preis, aber nicht einmal Billionen können letztlich Unverwundbarkeit garantieren. Dafür ist der Terror von heute ebenfalls zu modern und vernetzt. Und gleichzeitig sind die Attentäter mörderische Barbaren.

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