NS-Konferenz 2: Vielen gelang die Flucht ins Ausland

Bevorzugte Immigrationsländer waren Großbritannien und die USA – Die wenigsten kehrten nach 1945 wieder zurück

Wien (OTS) - Einen kleinen „Vorteil“ gab es für die verfolgten Ärztinnen und Ärzte in Österreich: Dank ihrer überall grundsätzlich anwendbaren medizinischen Kenntnisse konnten sich sehr viele der gefährdeten österreichischen Ärztinnen und Ärzten ins Ausland retten. Die Emigration konzentrierte sich dabei vor allem auf Großbritannien, die USA sowie Palästina beziehungsweise Israel. ****

Trotz vieler massiver Hindernisse gelang es dabei den meisten Medizinern, neue Positionen an Kliniken und Spitälern zu erhalten beziehungsweise Ordinationen zu eröffnen und ihre Karrieren fortzusetzen. In den USA beispielweise wurden Ärztinnen und Ärzte durch spezielle Hilfsorganisationen für Mediziner, etwa durch das „Emergency Committee in Aid of Displaced Physicians“ oder das „National Committee for Resettlement of Foreign Physicians“ unterstützt. Vorrangige Ziele waren, die Befähigung beziehungsweise Eignung der individuellen Emigranten zu beurteilen und diese in verschiedene Staaten der USA zu vermitteln. Trotz dieser Anstrengungen blieb der größte Teil der geflüchteten Mediziner, nämlich zwei Drittel, in New York ansässig.

Nach 1945 lässt sich die Stimmung mit „Rückkehr unerwünscht“ beschreiben – die wenigsten der vertriebenen Ärztinnen und Ärzte sind nach Österreich zurückgekehrt, unter anderem, weil sie die beruflichen Positionen in den neuen Ländern nicht wieder aufgeben wollten und auch weil sie gegenüber dem Immigrationsland eine gewisse Dankbarkeit und Wertschätzung empfanden. Zusätzlich wollte man auch die nächste Generation nicht wieder entwurzeln.

Lebenswege der betroffenen Ärztinnen und Ärzte nachgezeichnet

Die von der Wiener Ärztekammer in Zusammenarbeit mit der MedUni Wien und dem Institut für Rechts- und Verfassungsgeschichte der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien organisierte Konferenz „NS-Verfolgung von Ärztinnen und Ärzten“ ist Teil des laufenden Forschungsprojekts „Ärzte und Ärztinnen in Österreich 1933–1945. Entrechtung, Vertreibung, Ermordung“. Ende 2017 soll im Verlag der Ärztekammer für Wien ein Gedenkband erscheinen, der die Lebenswege möglichst aller von Diskriminierung, Vertreibung und Ermordung betroffenen Ärztinnen und Ärzte in Österreich nachzeichnet.

Im Zuge der Recherchen konnten bislang ungefähr 3700 Verfolgte ermittelt werden, wovon in etwa 3300 als „jüdisch“ im Sinne der NS-Rassengesetze galten. Dem Großteil der Betroffenen gelang bis 1941 die Flucht, die im Land Verbliebenen wurden zumeist deportiert und ermordet.

Schwieriger zu identifizieren sind die als „Mischlinge“ Verfolgten, da ihnen die Genehmigung zur Ausübung des ärztlichen Berufs nicht entzogen wurde. Sie verloren jedoch die Kassenverträge und Stellen im öffentlichen Dienst.

Analog verfuhr die NS-Gesundheitsverwaltung mit denjenigen, die zwar selbst als „arisch“ galten, jedoch mit rassisch Verfolgten verheiratet waren. (hpp)

(S E R V I C – Konferenz „NS-Verfolgung von Ärztinnen und Ärzten“, Mittwoch, 18. November 2015, von 9.30 bis 18.30 Uhr, Donnerstag, 19. November 2015, von 9.00 bis 18.00 Uhr; Medizinische Universität Wien (Van-Swieten-Saal), 1090 Wien, Van-Swieten-Gasse 1a; Tagungsprogramm:
www.aekwien.at/nsverfolgungaerzte.)

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