Völlige Umstrukturierung des Ärztestands nach „Anschluss“ Österreichs 1938

Internationale Konferenz beschäftigt sich mit Auswirkungen der Rassengesetze auf die Gesundheitsversorgung – 55 Prozent der Hochschullehrer vertrieben und/oder ermordet

Wien (OTS) - Die Entrechtung jüdischer Ärztinnen und Ärzte nach dem „Anschluss“ Österreichs 1938 führte zu einer völligen Umstrukturierung des Ärztestands in Österreich. Besonders drastisch zeigte sich dies an der Medizinischen Fakultät der Universität Wien, wo zwischen 1938 und spätestens 1942 in etwa 55 Prozent der Hochschullehrer entlassen und in der Folge vertrieben und/oder ermordet wurden. Darauf wiesen Experten am ersten Tag der auf zwei Tage anberaumten Konferenz „NS-Verfolgung von Ärztinnen und Ärzten“ an der MedUni Wien hin.

Die allermeisten Hochschullehrer wurden wegen ihrer „jüdischen Abstammung“ oder der Ehe mit einer als „jüdisch“ geltenden Ehefrau entlassen. Nach Disziplinen variiert der Anteil der Entlassenen sehr stark von einer maximalen Vertretung in Psychiatrie oder Pädiatrie zu einer recht geringen Repräsentanz in Chirurgie oder Augenheilkunde, was wohl auf eine disziplinspezifische antijüdische Diskriminierung sowie entsprechende Selbstrekrutierung zurückzuführen sein dürfte.

Aber auch die Studierenden waren vom Rassenwahn der Nationalsozialisten betroffen: In etwa 1000 Medizinstudenten wurden 1938 aus rassistischen Gründen innerhalb nur weniger Wochen gewaltsam von der Universität Wien vertrieben und an der Fortsetzung beziehungsweise dem Abschluss ihres Studiums gehindert. Von diesen konnten im Rahmen einer sogenannten „Nichtarierpromotion“ zwischen Juni und Dezember 1938 noch 110 Medizinstudierende promovieren – allerdings bei gleichzeitigem Berufsverbot.

Studierenden, die als „jüdische Mischlinge“ kategorisiert wurden, war das Studium 1938 zwar nicht generell untersagt, ab 1940 jedoch zunehmend erschwert und wurde in den Folgejahren sukzessive eingeschränkt.

Auch fast alle Ärztinnen und Ärzte, die als Juden galten und in Spitälern beschäftigt waren, verloren bereits im März 1938 ihre Anstellungen. Und niedergelassenen praktischen Ärzten und Fachärzten jüdischer Herkunft war es ab 1. Oktober 1938 untersagt, ihre ärztliche Tätigkeit auszuüben.

Raubzug am privaten Vermögen

Mit der Entfernung von Ärztinnen und Ärzten jüdischer Herkunft aus ihren Positionen an den Medizinischen Fakultäten und in Spitälern, dem Entzug der Kassenverträge und dem Berufsverbot durch Erlöschen ihrer „Bestallungen“ ging auch ein Raubzug am privaten Vermögen einher: Wohnungen und Ordinationen wurden beschlagnahmt, private Sanatorien und Heilanstalten arisiert. Nur wenige Ärztinnen und Ärzte wurden unter der diskriminierenden Bezeichnung „Krankenbehandler“, „Fach¬behandler“ und „Zahnbehandler“ zur Behandlung ausschließlich jüdischer Patienten zugelassen.

Unter der Kontrolle der nationalsozialistischen Behörden gelang es der Israelitischen Kultusgemeinde dennoch, bis zum Ende der Gewaltherrschaft ein Netz von Gesundheits- und Fürsorgeeinrichtungen – darunter das renommierte Rothschild-Spital – zur Versorgung der jüdischen Bevölkerung Wiens aufrechtzuerhalten. Darüber hinaus fielen den jüdischen Ärztinnen und Ärzten Tätigkeitsbereiche zu, die in unmittelbarem Kontext der nationalsozialistischen Ausgrenzungs-, Vertreibungs- und späteren Vernichtungspolitik standen: Mit Einsetzen der Massendeportationen im Jahr 1941 waren die „Krankenbehandler“ als Gutachter in den Sammellagern oder als Begleitärzte bei den Transporten in die Ghettos und Vernichtungslager in den organisatorischen Ablauf der Deportationen mit eingebunden. Ein Großteil dieser Mediziner wurde, sofern ihnen die Flucht ins rettende Ausland nicht gelang, selbst Opfer des Holocaust.

Die wenigen überlebenden jüdischen Ärztinnen und Ärzte standen nach der Befreiung vor dem ökonomischen Nichts und mussten in mühseligen Interventionen um den Wiedererhalt ihres geraubten Eigentums kämpfen. Etliche von ihnen konnten im öffentlichen Gesundheitswesen der Stadt Wien beziehungsweise bei Behörden wie der Polizei Fuß fassen, wo Bedarf an politisch unbelasteten Personen bestand. (hpp)

(Forts.)

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