Tiroler Tageszeitung, Ausgabe vom 11. November 2015; Leitartikel von Florian Madl: "Mehr als nur ein Dopingskandal"

Innsbruck (OTS) - Die offensichtlich politisch verordnete Vertuschung von positiven Dopingkontrollen in Russland reicht längst über den Tellerrand der Leichtathletik hinaus. Dass alles nur West-Propaganda sein soll, trägt nicht mehr zur Verteidigung bei.

Die Freiburger Uni-Klinik entpuppte sich zuletzt als deutsche Anlaufstelle für unerlaubte Leistungssteigerung, von den mundtoten Dopingopfern aus DDR-Zeiten ganz zu schweigen. Die USA hatten Lance Armstrong und den Balco-Skandal, Spanien seinen Dopingarzt Eufemiano „Frankenstein“ Fuentes und Italien dessen Zwilling im Geiste, Michele Ferrari. Frankreich hat die Tour de France, so etwas wie den Wanderzirkus für Dopingskandale. Und auch Russlands Sport trägt sich seit den Zeiten des Kalten Kriegs mit dem Mief, sportliche Sauberkeit vorbehaltlos auf dem Altar des Erfolgs und der Propaganda geopfert zu haben.
Lange Zeit sprach man wie überall auch in Russland von vereinzelten schwarzen Schafen, seit einigen Tagen ist allerdings von einer systemisch organisierten Herde die Rede. Das verwundert nur bedingt: Kontrollorgane haben es in einem Regime traditionell schwer, das gilt für Dopingfahnder wie für Wahlbeobachter. Denn die Exekutivorgane des Landes interessiert nichts weniger als ein Eindringen in die staatliche Intimsphäre. Doch das gilt nicht nur für Russland, das gilt auch für China und seine geklonten Schwimmer. Das trifft auch auf den Iran und seine herkulesgleichen Gewichtheber zu. Selbst in Jamaikas Reggae-Idylle, wo Sprinter scheinbar nach Belieben aus dem Ei schlüpfen, hält sich der Aufklärungswille in Grenzen. Das Aufdecken des russischen Dopingskandals entsprang deshalb auch nicht dem Willen zur Selbstreinigung, erst Recherchen des Fernsehsenders ARD und aussagewillige Ex-Sportler brachten Licht ins Dunkel. Doch umso pikanter erscheint nun jene politische Facette, die den Olympia-Gastgeber 2014 in Bedrängnis bringt. Dieser russische Dopingskandal ist mehr: für manche ein an Sowjet-Zeiten erinnernder Propagandakampf, der die Grenzen der Leichtathletik, die Welt der Staffelhölzer und Weitsprunggruben, längst überschritten hat. Auf jeden Fall aber ein Sportskandal, der ein geopolitisches Erdbeben auszulösen imstande ist. Allein diese Sprengkraft mag ein Gütesiegel für den dahinsiechenden Sport sein, in dem bis auf Usain Bolt kein Athlet mehr für Wiedererkennung sorgt. Die Verteidigungsstrategie Russlands, die Berichterstattung als bloßen Akt der Beleidigung zu titulieren, reicht im 21. Jahrhundert nicht mehr aus, um Wogen zu glätten. Wenn nämlich leidige Affären wie jene um FIFA (Fußball) und IOC (Olympia) etwas gebracht haben, dann zumindest den Wunsch nach Aufklärung.

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