Tiroler Tageszeitung, Ausgabe vom 9. November 2015; Leitartikel von Wolfgang Sablatnig: "Ein Pragmatiker der Macht"

Innsbruck (OTS) - Werner Faymann zieht heute in Sachen Amtszeit mit Wolfgang Schüssel gleich. Auch parteiintern immer wieder angezählt, hat er in der Koalition schon drei ÖVP-Chefs ausgesessen. Doch der nächste Stichtag naht.

Exakt 2533 Tage ist es heute her, dass Werner Faymann am 2. Dezember 2008 als Chef ins Bundeskanzleramt eingezogen ist. Die Welt, Europa und Österreich waren im Bann der Finanz- und Wirtschaftskrise, die soeben ausgebrochen war. Gemeinsam mit seinem neuen Vize Josef Pröll (ÖVP) nahm Faymann so wie die Regierenden anderer Staaten viel Geld in die Hand, um Banken und Wirtschaft vor dem Kollaps zu retten. Morgen wird Faymann mit dieser Amtsdauer seinen Vorvorgänger Wolfgang Schüssel überholt haben. Vor ihm liegen dann mit Bruno Kreisky (13,1 Jahre), Franz Vranitzky (10,6 Jahre), Julius Raab (8 Jahre) und Leopold Figl (7,3 Jahre) noch vier Regierungschefs der Zweiten Republik.
Faymann hat sich in diesen Jahren als Überlebenskünstler erwiesen. Nachdem jüngst sogar der Wiener Bürgermeister Michael Häupl bekräftigt hatte, Faymann werde 2018 wieder Kanzlerkandidat der SPÖ sein, hat er auch die jüngste Runde der Ablösegerüchte überstanden. Neuer Stichtag für ihn ist die Bundespräsidentenwahl im April. Der voraussichtliche SPÖ-Kandidat Rudolf Hundstorfer liegt im Vergleich zu seinen mutmaßlichen Gegenkandidaten abgeschlagen. Die nächste Wahlpleite könnte dann die eine zu viel gewesen sein. Mögliche Nachfolger stehen mit ÖBB-Chef Christian Kern und dem Ex-ORF-General Gerhard Zeiler parat.
Tatsächlich steht die SPÖ – so wie auch der Regierungspartner ÖVP – heute schlechter da denn je. Aus der Sicht der Partei:
Landtagswahlen gingen der Reihe nach verloren, in Umfragen liegt die SPÖ stabil hinter der FPÖ, ein Programmprozess holperte über Jahre dahin und soll nun beim Parteitag 2016 abgeschlossen werden. Aus der Sicht des Staates: Die Arbeitslosigkeit steigt, die Wirtschaft kommt nicht vom Fleck, in internationalen Rankings verliert das Land an Boden, die Flüchtlingskrise paralysiert das Land.
Faymann hat Krisen und Probleme nicht selbst verursacht. Aktive Konzepte, neue Antworten ist er aber schuldig geblieben, solange sie nicht – wie die Steuerreform, die Anfang 2016 in Kraft tritt – in den Rahmen der „Umverteilung“ passen.
Dennoch hat Faymann als Pragmatiker der Macht schon drei ÖVP-Chefs ausgesessen. Und auch wenn Faymanns magere Ergebnisse bei Parteitagen zeigen, dass viele Genossinnen und Genossen ihm nicht ihr uneingeschränktes Vertrauen schenken: Wir sollten uns nicht wundern, wenn Faymann im kommenden Jahr auch Raab und Figl überholt – in Sachen Amtsdauer, wohlgemerkt.

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