OÖNachrichten-Leitartikel: "Der Außenminister hat einen Lauf", von Gerald Mandlbauer

Ausgabe vom 7. November 2015

Linz (OTS) - Es lässt sich nicht behaupten, dass Sebastian Kurz derzeit eine schlechte Presse hätte. Es scheint vielmehr einer gut überlegten Planung zu unterliegen, wie häufig das Porträt des österreichischen Außenministers in den letzten Tagen aus Zeitungen von Weltgeltung schauen durfte. Kurz in der Neuen Zürcher, in der „FAZ“, kurz darauf beim britischen Amtskollegen, Kurz beim Kaffee mit US-Minister Kerry im „Imperial“. Entsprechend zuvorkommend die Kommentierungen. „Ein Freund klarer Worte“, „Er nennt die Dinge beim Namen“, sind zwei jener Sätze, die der Beschriebene nicht ungern über sich gelesen haben wird.
Dies kann einen diplomatischen Zwischenspurt bedeuten, jedoch auch gewollte Absenz von innenpolitischen Scharmützeln, einige in der VP nennen es schlicht Karriereplanung. Denn im Tiefland einer heillos in der Flüchtlingsproblematik verstrickten Koalition gibt es auf absehbare Zeit nichts zu gewinnen, eher nur Blessuren abzuholen, wie es die Umfragewerte der VP verdeutlichen. Dieses holprige innenpolitische Terrain bleibt dem Parteichef und Vizekanzler vorbehalten. Reinhold Mitterlehner steckt in den Fesseln einer Koalition, aus denen es auf absehbare Zeit kein Entrinnen gibt, während Kurz die Fluchtmöglichkeiten auf die größere Bühne weidlich nutzt und die Popularitätslisten anführt.
Dieses Leben in zwei verschiedenen Welten hat parteiintern das Potenzial für Dissonanzen, zumal in der Volkspartei registriert wird, wie sehr, nicht nur sprachlich, Minister Kurz mit der Innenministerin abgestimmt ist. Beide geben eine neuen Tenor in der Flüchtlingsthematik vor. Sie übernimmt dazu die Mühe der Administration des Flüchtlings-Chaos’, Kurz, immerhin Minister für Äußeres u n d Integration, damit auch fachlich zumindest nicht unzuständig, geht diesen konkreten Fallgruben so gut es geht aus dem Weg. Mögliche Gefährdungen wie die Wien-Wahl umläuft er mit Respekt-Abstand. Nächste Woche präsentiert er sein Integrationspapier. Auch das wird ihm Präsenz bescheren.
Die Frage dabei lautet: Wie eng abgestimmt ist diese Regie des Außenministers mit den Plänen und Zielen und koalitionären Sachzwängen eines Parteiobmannes, der eine Koalition, die er selbst nicht liebt, am Leben halten muss? Oder kann es sein, dass der Außenminister längst eine ganz andere Priorität verfolgt, bei der die Biologie sein engster Verbündeter ist? Kurz hat Zeit.

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