Tiroler Tageszeitung, Leitartikel, Ausgabe vom 4. November 2015. Von HUBERT WINKELBAUER. "Ein garstig Lied als Evergreen".

Innsbruck (OTS) - Unauffindbare 6,7 Millionen Euro rund um die WM 2006 haben Deutschlands Image als Zentralstelle für Lauterkeit angekratzt. Deutsche Waffenlieferungen in alle Brennpunkte der Welt wären allerdings eine größere Aufregung wert!

Das deutsche Fußball-Sommermärchen 2006 und der Deutsche Fußball-Bund sind ihrer Unschuld verlustig. Aber die allseitige Empörung darüber mutet ärgerlicher an als das Faktum selber. Denn sie wird geheuchelt von Protagonisten einer Medienwelt, die in infantil-naiver Zurschaustellung einer Ignoranz so tut, als sei unsere Gesellschaft nicht längst und durchgehend durchflutet vom stillschweigenden Einverständnis mit Machenschaften, die zum alltäglichen Handwerkszeug des neoliberalen Geschäfts gehören. Zu glauben, dass ausgerechnet die Milliarden um Milliarden scheffelnde FIFA in einer sattsam bekannten Abschottung von jeglicher Entscheidungstransparenz hier eine Ausnahme machen würde, steht auch dem einfältigsten Journalisten nicht zu. Der "deutsche Michel" hat nicht nur rund um die WM-Vergabe als selbsternannte Zentralstelle für Sauber- und Lauterkeit seine Legitimation verloren. Da stinkt mehr zum Himmel. Etwa VW-Abgase. Und wo bleibt die Empörung, die sich an unauffindbaren 6,7 Millionen Euro vom DFB entzündet, wenn just in Wochen unablässiger Flüchtlingsströme aus dem arabischen Subkontinent der Verkauf von Waffen in die Kriegsregion Jemen in der Höhe von über drei Milliarden Euro von der deutschen Regierung abgesegnet wird? Ohne Lobbyisten ist da nichts gegangen. Deren Beruf ist als solcher nicht nur anerkannt, sondern hoch (!) geachtet. Und in Brüssel treiben sich ungleich mehr VertreterInnen dieser Profession herum als Politiker. Was aber ist die Hauptbeschäftigung dieser Spezies?
Genau! Öffentliche Mandatare für bestimmte Interessen zu gewinnen und diese Entscheidungsträger für das gewünschte Abstimmungsverhalten zu bestechen. Darüber, dass materielle Zuwendungen dabei an vorderster Stelle üblicher Praktiken stehen, wissen Generationen von Politikern ein garstig Lied zu singen.
Die österreichischen sind in diesem Chor gut aufgehoben. Stichwort:
Eurofighter-Beschaffung!
Wer über die Provisionszahlungen bei allen öffentlichen Auftragsvergaben nur ein ganz klein wenig Bescheid weiß, kann so blauäugig nicht sein zu vermeinen, dass auch nur eine einzige Großveranstaltung wie Olympia, Welt- oder Europameisterschaft ohne enorme Geldflüsse im Vorfeld vergeben wird. Aber das gilt nicht nur für Großevents des Sports und nicht nur für Lobbyisten namens Beckenbauer oder Niersbach …

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