Finger weg vom Funkhaus!
Offener Brief an den Stiftungsrat des ORF und Medienminister Josef Ostermayer
Wien (OTS) - Wir fordern Sie dringend auf, den Verkauf des Wiener Funkhauses und die stückweise Demontage des Kultursenders Ö1 in letzter Minute zu stoppen.
Die 84.358 UnterzeichnerInnen der Avaaz-Petition für den Erhalt von Ö1 haben Recht:
Dieser demokratie- und kulturpolitisch so wichtige Sender ist in Gefahr. Gefährdet erscheint sogar - entgegen den Beteuerungen der Verantwortlichen - das Funkhaus als Baudenkmal und Kulturstandort. Was sich jetzt anbahnt, übertrifft alle Negativ-Prognosen.
Drastisches Sparpaket 2016 auch für Ö1
Ö1 soll bereits 2016 bis zu 1,3 Millionen Euro einsparen! Das ist nur durch Streichung ganzer Sendereihen möglich. Und das wird erst der Anfang sein.
Denn die ORF-Geschäftsführung will durch die Umsiedlung der Radios ins ORF-Zentrum am Küniglberg 10 Millionen Euro jährlich ab 2025 einsparen. Das kann nur durch Reduktion von Personal und Programmbudgets gehen. Dies trifft ganz besonders Ö1 und die anderen Radiosender, die budgetär wie personell ohnehin traditionell benachteiligt sind.
Funkhaus-Verkauf keine Ersparnis
Die ORF-Geschäftsführung behauptet seit Jahr und Tag, eine Konzentration am Küniglberg samt Errichtung eines Zubaus käme strukturell billiger als die Erhaltung des Funkhauses. Diese Behauptung beruht auf "hingebogenen" Zahlen, wenn nicht auf einer Kostenlüge. Die entsprechenden internen Unterlagen (die uns vorliegen und die wir prüfen haben lassen) enthalten unsinnige Rechenmodelle und Annahmen.
So wird zum Beispiel eine unrealistisch hohe Summe für eine "Sanierung" des Funkhauses angesetzt, das in seiner Bausubstanz gar nicht sanierungsbedürftig ist.
Wackelt Denkmalschutz für Funkhaus? Verkauf nur an kommerziellen Verwerter
Der ORF will das Funkhaus veräußern, hat aber durch das Kolportieren solcher Zahlen den Wert der Immobilie nach unten gedrückt, zum Schaden der GebührenzahlerInnen.
Nun kommt das Haus zu einem weit unter dem Wert liegenden Preis auf den Markt. 18 Millionen Euro ist der Mindestpreis - da verscherbelt die ORF-Führung das Tafelsilber.
Welcher Verwerter wird damit hohe Profite einfahren?
In den am 24.10.2015 erschienenen Inseraten wird das Funkhaus als "vorläufig denkmalgeschützt" bezeichnet. Wenn die Funktion als Radiohaus nicht mehr gegeben ist, wird es einem Investor sicherlich leichter fallen, den Denkmalschutz zumindest teilweise außer Kraft zu setzen. Auch die Zukunft des Radiokulturhauses - der Standort des RSO Wien - wird auf Dauer keineswegs gesichert sein. Denn der Rest-Kulturstandort Funkhaus wird mit der Schließung der Radiobereiche an Lebendigkeit und damit an Attraktivität verlieren.
Ausschreibung mit Hintergedanken
Die extrem kurze Ausschreibungsfrist von 19 Tagen (die durch die Veröffentlichung an einem langen Wochenende de facto auf 16 Tage schrumpft) bestätigt unsere Vermutungen, dass der Käufer bzw. ein sehr kleiner Kreis von potentiellen Käufern längst feststeht. Die Ausschreibung ist so formuliert, dass in Wahrheit nur kommerzielle Verwerter in Frage kommen ("...Angaben zur Finanzkraft des Unternehmens sowie eine detaillierte Darstellung der Erfahrungen in vergleichbaren Transaktionen..."), nicht aber beispielsweise Kulturinstitutionen oder andere im öffentlichen Interesse agierende Anbietergruppen.
Ö1 im Cluster wird leiden
Ö1 soll in einer multimedialen Clusterstruktur mit den Schwesterbereichen des Fernsehens (Information, Kultur, Wissenschaft, Religion) zusammengeführt werden.
Diese Cluster sollen jeweils einer Leitung unterstellt werden. Damit wird es die zugesicherte Autonomie von Ö1 nur mehr auf dem Papier geben. Dazu wird der massive Spardruck seinen Teil beitragen: Es wird schlicht so wenig Personal geben, dass Themen nicht mehr eigenständig für Ö1 erarbeitet werden können.
Zumal die Geschäftsführung laufend gerade im Fernsehbereich zusätzliche Kanäle und Programme (Beispiel: Frühstücksfernsehen) kreiert, was zwangsläufig auf Kosten der bestehenden Formate gehen muss.
Das Radio kann und muss den ganzen Sendetag über flexibler reagieren können als das Fernsehen. Zum Wesen von Ö1 und den Radios allgemein gehört eine besondere Aktualität und BürgerInnennähe. Das würde durch die Umsiedlung von Ö1 verhindert.
Eine Reduktion der Sendungen von Ö1 stellt eine massive Beeinträchtigung des Kultur- und Wissenschaftsstandortes Österreich dar.
Öffentlichkeit und Belegschaft stehen hinter dem Anliegen
Die Kultur- und Wissenschaftselite der Kulturnation Österreich sowie eine Reihe namhafter Wirtschaftsexperten wollen Ö1 und das Funkhaus erhalten wissen. Und nicht zuletzt die HörerInnenschaft - das zeigt die Avaaz-Petition.
Fast die gesamte Belegschaft von Ö1, zu großen Teilen auch jene von FM4 und Radio Wien, hat im März einen Offenen Brief gegen die Funkhaus-Schließung unterschrieben.
Auch der ORF-Redakteursrat hat mittlerweile wegen offensichtlich politisch motivierter Besetzung von redaktionellen Leitungsfunktionen der Geschäftsführung das Misstrauen ausgesprochen.
Der Redakteursrat spricht sich aus demselben Grund gegen die Etablierung eines zentralen, medienübergreifenden Infochefs aus, wie sie nach wie vor geplant ist (als "Wahlkampfgeschenk" an die Parteien, im Hinblick auf die Generaldirektors-Wahlen 2016?).
Die sogenannte "Konsolidierung" am Küniglberg ist keine, weil sie keine Ersparnis bringt.
Die Konsolidierung ist ein hohes Risiko von zusätzlichen Kosten für die GebührenzahlerInnen, und eine unwiederbringliche Zerstörung von Ö1 in seiner gegenwärtigen Qualität.
Unterzeichnende
Karl Markovics, Regisseur, Schauspieler Gerhard Roth, Schriftsteller Stephan Schulmeister, WIFO Ute Woltron, Publizistin Katharina Stemberger, Schauspieler Ulrich Körtner, Institut für Ethik und Recht in der Medizin, Institut für Systematische Theologie, Universität Wien Robert Menasse, Schriftsteller Eva Blimlinger, Rektorin Akademie der Bildenden Künste Johannes Voggenhuber, ehem. Mitglied des EU-Parlaments Robert Palfrader, Kabarettist Florian Scheuba, Kabarettist Erwin Steinhauer, Schauspieler Gregor Seberg, Schauspieler Willi Resetarits, Sänger Lukas Resetarits, Sänger Thomas Maurer, Kabarettist Herta Wessely, Aktion 21 Vereinigte Bürger_innen-Initiativen Isolde Charim, Philosophin und Publizistin Doron Rabinovici, Schriftsteller Sabine Gruber, Schriftstellerin, Vorstand Grazer Autorenversammlung Julya Rabinowich, Schriftstellerin Johann Schelkshorn, Institut für Christliche Philosophie, Universität Wien Ulrich Brand, Institut für Politikwissenschaft, Universität Wien Markus F. Peschl, Cognitive Science Research Platform, Universität Wien Franzobel, Schriftsteller Josef Hader, Schauspieler, Kabarettist Wolfram Berger, Schauspieler Andreas Vitasek, Kabarettist Peter Simonischek, Schauspieler Brigitte Karner, Schauspielerin Willy Puchner, Künstler Fabian Eder, Regisseur Herwig Kempinger, Präsident der Wiener Secession Deborah Sengl, Künstlerin Edgar Honetschläger, Künstler (Stand 27.10., 9h)
Rückfragen & Kontakt:
Karl Markovics, lavok@tele2.at

