TIROLER TAGESZEITUNG: Leitartikel vom 16. Oktober 2015 von Florian Madl - Als gäbe es keine anderen Baustellen

Innsbruck (OTS) - Das Internationale Olympische Komitee stellt den alpinen Abfahrtslauf "unter Beobachtung", Freunde dieser Wintersport-Tradition müssen um die Zugehörigkeit bangen. Eine kuriose Diskussion angesichts anderer Baustellen.

Die olympische Bewegung hat fürwahr andere Probleme, als sich über die Beibehaltung des alpinen Abfahrtslaufs im Winterprogramm zu unterhalten. Korruption, intransparente Vergabemodi, Bonzentum - all das würde mehr Stoff für eine richtungsweisende Diskussion bieten. Dass zuletzt auch die Kerndisziplin des alpinen Skilaufs unter Beobachtung gestellt wurde und Kosten wie auch Attraktivität zwei Argumente darstellen, entbehrt nicht einer gewissen Pikanterie:
Solange sich die subtropische Urlaubsdestination Sotschi (RUS) gegen den Willen der Bevölkerung Winterspiele um 37,5 Milliarden Euro leistet, muss nicht über die Errichtung einer Alpin-Strecke diskutiert werden. Die erfährt im Wintersport-Hoffnungsmarkt China immerhin eine Nachnutzung, während durch Sotschi mittlerweile Formel-1-Autos rasen. So mutiert ein olympisches Dorf zum Potemkinschen Dorf - mit schöner Fassade und wenig Substanz. Und in der Eishalle, wo Wladimir Putin Profi-Hockey spielen lassen wollte, kurvte der Präsident zu seinem 63er selbst mit einem Schläger. Pyeongchang verfährt nicht anders, die Südkoreaner leisten sich im Hinblick auf die Olympischen Winterspiele 2018 eine 98 Millionen Euro teure Bob- und Rodelbahn. Ein Land, das mangels Erfolg und Sportler keinen Anlass dafür hätte.
Was Attraktivität anbelangt, finden sich wohl weniger rasante olympische Sportarten als der Abfahrtslauf. Im Gegenzug ließen sich die Aufnahmekriterien einiger Sportarten hinterfragen. Curling, das durchaus kurzweilige Strategiespiel mit Granitsteinen, fand vor allem deshalb Einzug ins Programm, um bei schlechter Wetterlage einen Fixpunkt für die Fernseh-Berichterstattung anbieten zu können. Eine stete Neuorientierung steht der lange Zeit trägen olympischen Bewegung durchaus gut zu Gesicht. Wäre dem nicht so, würden wir auch im 21. Jahrhundert noch Medaillenentscheidungen im Spazierstock-Kampf, Lebend-Tauben-Schießen, Tauziehen oder Seilklettern erleben. Die Diskussion um das Beibehalten von Altbeständen im olympischen Programm mag also gerechtfertigt sein. Aber es ist nicht zuletzt Tradition, die Olympischen Spielen im Sommer und Winter zugrunde liegt, der Skirennsport bildet den Kern derselben im Winterprogramm. Sich dessen sportlichem Höhepunkt, dem Abfahrtslauf, zu verschließen, widerspräche dem Grundgedanken der weltgrößten Sportveranstaltung.

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