TIROLER TAGESZEITUNG AM SONNTAG "Leitartikel" Sonntag, 11. Oktober 2015, von Alois Vahrner: "Rotes Wien oder blaues Wunder"

Das Duell um Wien ist auch ein Elchtest für den Bund. Fällt das „Rote Wien“, wird das ein gewaltiges Politbeben auslösen.

Innsbruck (OTS) - Simmering gegen Kapfenberg, das nenn’ i Brutalität", sagte einst Helmut Qualtinger. Ebenso knochenhart wie das Bundesliga-Match aus dem Jahr 1956 verlief das Wiener Wahlkampf-Match zwischen dem roten Amtsinhaber Michael Häupl und dem blauen Herausforderer Heinz-Christian Strache - sozusagen von Simmering bis Favoriten.
Die heutige Wiener Gemeinderatswahl hat Bedeutung weit über Wien hinaus, obwohl es auch da um alles geht. Strache geht zwar schon zum dritten Mal als FPÖ-Spitzenkandidat ins Wiener Rennen, zum ersten Mal ist es aber ein echtes Duell mit Häupl, dem starken Mann der SPÖ, der seit fast 21 Jahren Bürgermeister ist. In Umfragen lagen die Blauen zuletzt nur noch minimal hinter der SPÖ, ein Sprung auf Platz 1 scheint tatsächlich möglich.
Rang 1 für die FPÖ hieße noch nicht die automatische Kür Straches zum Bürgermeister (außer der wohl deutlich unter zehn Prozent schrumpfenden ÖVP haben das alle anderen Parteien ausgeschlossen), es würde aber ein Polit-Tsunami ausgelöst. Wenn das "Rote Wien", DAS Machtzentrum der SPÖ fiele, wäre wohl nicht nur Häupl Geschichte. Es käme auch zu einem Politbeben auf Bundesebene. Zumal am Stuhl von Bundeskanzler Faymann schon lange gerüttelt wird. Auf dem Prüfstand stünde auch Rot-Schwarz, zumal die FPÖ bei bundesweiten Umfragen zuletzt stets auf Platz 1 lag.
Kann sich Häupl, unter dessen Ägide sich Wien ja zweifelsohne gut entwickelt hat, aber behaupten, dann ist auch das ein klares Signal an den Bund. Weil Häupl etwa in der gerade auch in Wien brennenden Flüchtlingsfrage keinen Schlingerkurs, sondern einen sehr beherzten Kurs gefahren ist. Häupls Abschneiden ist damit auch so etwas wie der Elchtest für die Bundeskoalition. Ein Mutmacher, sinnlose Blockaden abzulegen, oder die Gewissheit, dass die Karten völlig neu gemischt werden.

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