TIROLER TAGESZEITUNG, Ausgabe vom 10.10.2015, Leitartikel von Christian Jentsch:"Die Welt labt sich an Syriens Blut"

Innsbruck (OTS) - Was soll man über die syrische Tragödie noch sagen? Dass das Land sich längst in die Hölle auf Erden verwandelt hat, dass Städte und Dörfer dem Erdboden gleichgemacht, Schulen und Krankenhäuser bombardiert und ganze Landstriche verwüstet wurden. Dass zwischen den verschiedenen Religionen und Ethnien Gräben gezogen und Hass gesät wurde. Dass selbst nach Hunderttausenden Toten und Millionen Flüchtlingen das Abschlachten wohl noch lange kein Ende finden wird. Dass die Welt- und die angrenzenden Regionalmächte den Krieg am Laufen halten, um ihren Einfluss auszudehnen und bei der Neuordnung des Nahen Ostens ihre Interessen durchzusetzen. Dass Europa die Tragödie vor seiner Haustüre einfach ignorierte, bis Hunderttausende Flüchtlinge an seine Tür klopften.
Seit viereinhalb Jahren wird in Syrien gekämpft - das Regime von Präsident Assad setzte auf Giftgasangriffe und Fassbomben und die Monster des "Islamischen Staates" (IS) etablierten im Norden und Osten des Landes eine archaische Schreckensherrschaft, der die Welt erschreckend wenig entgegensetzen wollte und will.
Der Wahnsin ist bekannt. Doch dass der Konflikt noch weiter eskalieren kann, war kaum denkbar. Und doch wird er. Russland hat in den Wirren des blutigen Bürgerkrieges seine Chance erkannt. Über Syrien und den engen Vertrauten Bashar al-Assad will Moskau wieder einen Fuß in den Nahen Osten setzen. In eine Region, in der man jahrzehntelang abgemeldet war. Russland hat mit seinem massiven militärischen Engagement auf Seiten Assads die Karten im Bürgerkrieg neu gemischt und dem Westen gleichzeitig eine Ohrfeige verpasst. Ohne Moskau soll künftig nicht nur in Syrien gar nichts mehr gehen.
In Washington und in Europa zeigt man sich über Russlands Einsatz erbost, auch weil er sich weniger gegen den IS als vielmehr gegen moderate Rebellen richtet. Doch auch der Westen und seine Verbündeten spielen mit gezinkten Karten. So ist die Türkei zwar dem US-geführten Anti-IS-Bündnis beigetreten, doch Ankara nützt den so genannten Anti-Terror-Krieg, um Krieg gegen die Kurden zu führen. Und auch das Engagement anderer Staaten gegen den IS lässt - gelinde gesagt - zu wünschen übrig.
Und Europa? Europa hat einfach die Augen verschlossen und den Syrien-Krieg ignoriert. Bis die Flüchtlingskrise Europa gezwungen hat, darüber nachzudenken. Syriens Totentanz ist auch unsere Schande.

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