TIROLER TAGESZEITUNG: Leitartikel vom 5. Oktober 2015 von Peter Nindler - Franziskus hat viel zu verlieren

Innsbruck (OTS) - Die Bischofssynode ist nicht nur eine Bewährungsprobe für Papst Franziskus, sondern eine Weichenstellung für sein weiteres Pontifikat: Bleibt er ein Gefangener seiner schönen Worte oder kann Franziskus in seiner Kirche tatsächlich etwas bewegen?

Wird Papst Franziskus am Ende der Bischofssynode über Ehe und Familie als entzauberter Pontifex dastehen? Seine Botschaften und Appelle für eine neue Barmherzigkeit in der Kirche, die er am Sonntag als Feldlazarett mit offenen Türen bezeichnet hat, klingen vorerst wohltuend für das katholische Fußvolk. Denn die Lebenswelten haben sich in den vergangenen Jahrzehnten verändert, die kirchlichen Lehren zu Ehe, Familie, Sexualität sich davon weit entfernt. Scheidung, Abtreibung, Verhütung, wiederverheiratete Geschiedene und Homosexualität - die Kirche sperrt einen Teil ihrer Gläubigen nach wie vor aus. Gesellschaftliche Realitäten wie das Scheitern von Ehen oder der Wunsch von Homosexuellen zu heiraten werden schlichtweg ausgeklammert, statt endlich darauf einzugehen und das unkritische Festhalten an Grundsätzen zu überwinden.
Franziskus hat am Beginn seines Pontifikats zumindest einen Nachdenkprozess über die Herausforderung von 1,2 Milliarden Katholiken in der Welt von heute ausgelöst. Jetzt müssen die Bischöfe Farbe bekennen und sagen, was vom seinerzeitigen vatikanischen Fragebogen übrig bleiben soll. Allein in der Diözese Innsbruck gab es 5092 persönliche Antworten auf Fragen zu Ehe, Familie und Sexualität. Das Ergebnis ist deshalb eine Bewährungsprobe für Franziskus. Denn was nützt es, ständig vor dem moralischen Rigorismus zu warnen, wenn seine Kirche den Spiegel der Gesellschaft nach wie vor spiegelverkehrt betrachtet?
Will das Kirchen-Oberhaupt nicht zum lebenslänglichen Gefangenen schöner Worte, aber enttäuschter Hoffnungen werden, braucht es endlich Taten für seine Idee von einer lebendigen Kirche. Sakramente für wiederverheiratete Geschiedene wie die Kommunion rütteln nicht am Fundament der Unauflöslichkeit der Ehe, weil niemand am Traualtar vorhat zu scheitern. Die Gleichberechtigung von Homosexuellen wertet die klassische Ehe nicht ab, sondern insgesamt die Verbindung zweier Menschen als Wert auf - unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung. Eigentlich dokumentiert die Kirche hier seit Jahren ihr Versagen in der täglichen Seelsorge. Ganz zu schweigen vom Eheverbot für Priester. Nicht, dass ein Abgehen vom Zölibat den Priestermangel beseitigen könnte, aber es würde manchen die Entscheidung wohl erleichtern und den Priesterberuf lebensnäher machen.
Endet die Synode, was zu befürchten ist, ergebnislos oder mit belanglosen Erklärungen, schwächt das nicht nur Franziskus selbst, sondern insgesamt sein Pontifikat.

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