TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" vom 1. Oktober 2015 von Peter Nindler "Kaltstart an den Universitäten"

Innsbruck (OTS) - Die weltweiten Uni-Rankings sollten ein Alarmsignal sein, Lehre und Forschung ausreichend zu finanzieren. Doch seit die Wissenschaft ein politisches Anhängsel ist, gibt sich die Regierung mit dem Verwalten des Mittelmaßes zufrieden.

Dass die österreichischen Universitäten in den jüngst veröffentlichten Uni-Rankings mehr schlecht als recht abschneiden, hat schon etwas mit einer verfehlten Wissenschaftspolitik zu tun. Seit Jahren steigt die Zahl der Studierenden, allein im Fünfjahresvergleich waren es im Wintersemester 2014/2015 um 16,3 Prozent mehr. Demgegenüber stehen ein Diktat der leeren Kassen und fehlende Infrastruktur für die 280.000 Studierenden. Der scheidende Rektor der Wirtschaftsuniversität Christoph Badelt hat es unlängst treffend formuliert: Was nützen die Leistungsvereinbarungen mit den Universitäten, wenn die Politik eben nicht die zentralen Dinge vorgibt, etwa wie viele Studierende eine Uni ausbilden und wie viel Geld sie dafür erhalten soll?
Der Sündenfall an Lehre und Forschung begann nicht erst damit, dass die Wissenschaft von der Bundesregierung zum politischen Anhängsel im Wirtschaftsministerium degradiert wurde. Die Trennung der drei Medizinischen Universitäten in Graz, Wien und Innsbruck von den Stammuniversitäten hat 2004 nicht nur Millionen gekostet, sondern den Wissenschaftsstandorten nachhaltig nicht gut getan. Statt sie zu stärken, hat die damalige Wissenschaftsministerin Elisabeth Gehrer (VP) mutwillig zusätzliche Baustellen geschaffen.
Wie sehr die Vorstellungen zwischen Wissenschaft und Politik auseinanderklaffen, belegen die Verhandlungen über das Uni-Budget 2016 bis 2018. Die Wünsche der Universitäten sind um 1,1 Milliarden Euro höher als das Angebot der Politik. Die Konsequenzen daraus treffen vor allem die Lehre, weil die Drittmittel aus der Wirtschaft oder öffentlichen Quellen für Forschung und Entwicklung ohnehin immer wichtiger werden. So schneiden die heimischen Hochschulen im "U-Multirank" der Europäischen Union bei der Forschung weit besser ab als in der Lehre.
Diese Entwicklung muss nachdenklich stimmen, schließlich ist die Lehre am Beispiel der Medizinischen Universitäten nicht nur der Schlüssel für eine erstklassige Patientenversorgung, sondern auch die Basis für Spitzenmedizin durch Forschung. Wer heute in Österreich ein Studium beginnt, sollte Perspektiven haben und an den Universitäten kein Jammertal mit demotivierten Hochschulprofessoren, frustrierten Uni-Verantwortlichen, baufälligen Hörsälen bzw. überfüllten Lehrveranstaltungen betreten. Deshalb dürfen weder sozial gestaffelte Studiengebühren für die Uni-Finanzierung noch die Rückkehr zu einem eigenständigen Wissenschaftsressort ein Tabu sein.

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