TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" vom 30. September 2015 von Floo Weißmann "Frostige Syrien-Diplomatie"

Innsbruck (OTS) - Die USA und Russland basteln offenbar an einem gemeinsamen Versuch, Syrien zu befrieden. Dafür mussten die Präsidenten der beiden Länder ihre persönliche Abneigung zur Seite schieben.

Dass US-Präsident Barack Obama und Kremlchef Wladimir Putin einander nicht mögen, lässt sich schon an der Körpersprache ablesen. Was sie da am Rande der UNO-Generaldebatte in New York für die Kameras inszenierten, wirkte befremdlich und ungelenk. Es war wohl nicht zu erwarten, dass die beiden Staatenlenker bei ihrem ersten Gespräch seit zwei Jahren den Syrien-Konflikt lösen.
Doch schon allein die Tatsache, dass Obama und Putin trotz aller Gegensätze ausführlich miteinander gesprochen haben, sendet ein wichtiges Signal aus: Washington und Moskau haben erstens den politischen Willen, eine gemeinsame Lösung zu versuchen, und sie schließen es zweitens nicht aus, dass eine solche gelingen kann. Wäre die Einschätzung eine andere gewesen, hätte Obama es Putin nicht ermöglicht, dass dieser zuhause seine Rückkehr auf die Weltbühne feiern darf.
Dafür spricht auch, dass die Außenminister John Kerry und Sergei Lawrow einander in New York mehrfach getroffen haben und nach dem frostigen Gipfel ihrer Chefs eifrig dokumentierten, in welchen Punkten es Gemeinsamkeit gibt. Beide wollen die IS-Terroristen zurückdrängen, den Bürgerkrieg beenden sowie Syrien als säkularen Staat erhalten und kontrolliert aufbauen.
Größter Streitpunkt scheint derzeit die Rolle von Syriens Machthaber Bashar al-Assad zu sein. Obama geißelte ihn vor der UNO als Tyrannen, der zu viel Blut an seinen Händen hat, während Putin das syrische Regime als Garanten der Ordnung darstellte, den es zu unterstützen gilt. Russland untermauert diese Haltung mit massiver militärischer Aufrüstung in Syrien.
Doch wer genau hinhört, kann Verhandlungsspielraum heraushören. Obama forderte einen geordneten Übergang weg von Assad; das ist zeitlich dehnbar und schließt die Möglichkeit ein, dass Teile der alten Elite auch weiterhin eine Rolle spielen. Umgekehrt sickert immer wieder durch, dass es Russland und dem Iran nicht um die Person Assad gehe, sondern eher um Stabilität und die Wahrung ihrer Interessen. Gibt es dafür ein taugliches neues Modell, würden sie den nicht mehr benötigten Verbündeten wohl ins Exil entlassen.
Vieles spricht also dafür, dass der Gipfel zwischen Obama und Putin nicht gescheitert ist, sondern eher die neue Dynamik in der Syrien-Diplomatie verstärkt, die schon vor Wochen eingesetzt hat. Jetzt gilt es, auch den Iran, Saudi-Arabien, die Türkei und syrische Akteure einzubinden. Das könnte sich am Ende als schwieriger herausstellen als der frostige Handschlag zwischen Obama und Putin.

Rückfragen & Kontakt:

Tiroler Tageszeitung
0512 5354 5101
chefredaktion@tt.com

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PTT0001