Tiroler Tageszeitung, Ausgabe vom 25. September 2015; Leitartikel von Christian Jentsch: "Blutige Spiele im Weltkrisentheater"

Innsbruck (OTS) - Um die Flüchtlingskrise zu entschärfen, will Europa künftig mehr Hilfe für die Regionen rund um das Bürgerkriegsland Syrien bereitstellen. Doch unheilige Allianzen werden das syrische Gemetzel noch lange befeuern.

Das größte Flüchtlingsdrama seit dem Zweiten Weltkrieg hat Europa in eine bedrohliche Krise gestürzt. Nach zähem Ringen wurde schlussendlich gegen erbitterten Wiederstand eine Zwangsverteilung von 120.000 Flüchtlingen beschlossen. Kurz darauf legten die Staats-und Regierungschefs der EU beim Flüchtlingsgipfel nach: Man wolle das Problem an der Wurzel packen. Mit Milliarden soll den Flüchtlingen in den überfüllten Lagern rund um das im Blut versinkende Bürgerkriegsland Syrien nun verstärkt geholfen werden. So will man etwa die dringend benötigten Mittel für das UNO-Flüchtlingshilfswerk aufstocken. Eine gute Idee, nur kommt die Initiative Jahre zu spät. Seit viereinhalb Jahren tobt das Gemetzel in Syrien, mehr als 250.000 Menschen wurden bereits getötet, Millionen sind auf der Flucht -nicht erst seit gestern. Und jahrelang hat Europa mehr oder weniger gelangweilt zugesehen - bis die Flüchtlinge schließlich vor den Toren (Mittel-)Europas standen. Die Nöte der Hilfsorganisationen vor Ort sind längst bekannt. Auch den Ländern in der Region, die bereits Millionen syrischer Flüchtlinge aufgenommen haben, will Europa nun verstärkt unter die Arme greifen. Vor allem die Türkei, die wie der Libanon die Hauptlast trägt, spielt eine Schlüsselrolle. Schließlich kommen die meisten Flüchtlinge über die Türkei nach Griechenland und somit nach Europa. Der zuvor scharf kritisierte türkische Präsident Erdogan wird nun plötzlich wieder hofiert. Brüssel und Berlin streuen Erdogan Blumen, damit er den Flüchtlingsstrom in Richtung Europa in Grenzen hält. Klar ist aber auch, dass Erdogan etwa mit der Forderung nach einer Sicherheitszone im Norden Syriens nicht nur das Wohl der Flüchtlinge verfolgt. Vielmehr geht es Ankara um die Zerschlagung des kurdischen Selbstverwaltungsgebietes - die dortigen kurdischen Volksschutzeinheiten sind schließlich eng mit dem Erzfeind PKK verknüpft und der Türkei längst ein Dorn im Auge. Die Kurden, die sich als Einzige der Terrormiliz "Islamischer Staat" am Boden effektiv entgegenstellten, könnten in den Wirren der großen Weltpolitik somit erneut zum Bauernopfer werden. Und auch sonst werden in der Region wieder eifrig unheilige Allianzen geschmiedet. So ruft Russland zu einer neuen Anti-IS-Allianz und verstärkte parallel dazu zuletzt massiv die Unterstützung für das Regime von Syriens Präsidenten Assad. Dass Assad im Bürgerkrieg weit weniger den IS bekämpft als vielmehr Fassbomben auf Zivilisten regnen lässt, bleibt dabei unerwähnt. Eines ist jedenfalls klar: Im Weltkrisentheater steht die syrische Tragödie wohl noch lange auf dem Spielplan.

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