„Tag der Industrie“ 2015: Anpassungsstrategien für Mindestwachstum

Erste „Industrie-Konferenz“ im Zeichen neuer Strategien in Zeiten des Minimalwachstums – Österreich muss Gestaltungsspielräume für Standortbedingungen nutzen

Wien (OTS) - Geringes Wirtschaftswachstum bei gleichzeitig schwachen Konjunkturaussichten stellen nicht nur Österreich sondern die ganze Welt vor neue Herausforderungen. Entscheidend ist es, aus dieser Situation die richtigen Schlüsse zu ziehen und geeignete Strategien zu entwickeln. Am heutigen "Tag der Industrie" 2015 hat sich die Industriellenvereinigung dies in Form der erstmals stattfindenden "Industrie-Konferenz" zur Aufgabe gemacht, bei der Spitzenvertreterinnen und -vertreter aus Wirtschaft und Politik gemeinsam mit Expertinnen und Experten einen offenen Meinungsaustausch führen. Bei Minimalwachstum benötigen Unternehmen neue Strategien. Für den Staat gilt, dass er weniger verteilen kann. Daher muss Eigenverantwortung gestärkt werden und die Sozialsysteme sind auf eine langfristige Finanzierung unabhängig vom BIP-Wachstum umzustellen.

Anpassungsstrategien mit unternehmerischem Ansatz entwickeln

"Unser primäres Thema ist daher heute nicht, wie wir eine Re-Dynamisierung schaffen - obwohl dies zweifellos wichtig ist -sondern, welche Chancen und Möglichkeiten unsere Unternehmen bei Minimalwachstum haben. Alle unsere Wirtschafts- und Sozialmodelle bauen auf Wachstum auf. Ohne Wachstum haben wir daher ein veritables Problem. Dieses gilt es zu überwinden", gab der Präsident der Industriellenvereinigung (IV), Mag. Georg Kapsch zu bedenken. Vor allem die zunehmende Digitalisierung oder "Industrie 4.0" könnte Möglichkeiten bieten. Solche Chancen und Entwicklungen zu verpassen, führe zwangsläufig zu Verlusten von Arbeitsplätzen und Wohlstand. "Was aber passiert nun ohne Wachstum? Die Geldpolitik hat ihr Pulver verschossen, die Produktivität hat nicht übermäßig zugenommen", so Kapsch weiter. Re-Dynamisierungsmaßnahmen seien zweifellos wichtig, "aber wir müssen auch Anpassungsstrategien entwickeln. Wir dürfen uns nicht erst damit beschäftigen, wenn alles andere versagt hat. Wenn wir uns nicht jetzt darum kümmern, dann tun es andere - ohne unternehmerischem Ansatz." Bisher gebe es noch kein wissenschaftlich fundiertes, Konzept mit unternehmerischen Ansätzen. "Vorschläge wie Arbeitszeitverkürzung und Wertschöpfungsabgabe führen in einer kleinen, offenen Volkswirtschaft wie Österreich zwangsläufig in die Katastrophe", so der IV-Präsident, der festhielt: "Wir müssen daher Anpassungsstrategien mit unternehmerischen Ansätzen entwickeln - denn auch bei Minimalwachstum ist und bleibt die relative Wettbewerbsfähigkeit entscheidend."

Änderung der Reformkultur und neue Denkansätze notwendig

"Wir müssen eine Doppelstrategie fahren: Die Systeme reformieren und das Wachstum ankurbeln. Wir müssen also den Arbeitsmarkt durch eine Flexibilisierung der Arbeitszeiten an die geänderten Rahmenbedingungen anpassen. Aber auch bei den Pensionen, der Bildung, im Gesundheitssystem und in der Verwaltung müssen wir deutlich effizienter werden. Wir dürfen nicht mit weniger Mitteln weniger desselben machen. Das Wachstum können wir ankurbeln, indem wir geografisch diversifizieren, also neue Exportmärkte wie den Iran erschließen, sowie auch durch neue Produkte neues Geschäft schaffen. Wir müssen zudem die Forschungsergebnisse viel besser in marktfähige Produkte überführen. Das geht zum Beispiel mit den neuen Wissenstransferzentren, muss aber noch breiter werden", hielt Vizekanzler Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner fest. Kontraproduktiv seien dagegen veraltete Rezepte und Debatten über Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich, wie sie schon vor 30 Jahren geführt und in Frankreich klar falsifiziert worden seien. "Wir müssen die Wirtschaft dynamisieren und brauchen eine Änderung der Reformkultur, vor allem müssen wir weg vom gegenseitigen Abtauschen", so Mitterlehner zusammenfassend.

Anpassung an Minimalwachstum strategisch vorbereiten

"Ein Szenario des lang anhaltenden Minimalwachstums ist eine reale aber keine zwangsläufig eintretende Möglichkeit. Man kann sie durch geeignete Maßnahmen möglicherweise abwenden", betonte Prof. Christoph M. Schmidt, Vorsitzender des deutschen Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung ("Wirtschaftsweise"). Dazu gebe es mehrere Strategien. Insbesondere sollten eine Strategie der Re-Dynamisierung und eine Strategie der Resilienz, welche die Widerstandsfähigkeit der Volkswirtschaft gegenüber Schocks erhöhe, parallel verfolgt werden. Dies umfasse zum Beispiel einen Abbau der übermäßigen Staatsverschuldung. Aber im Sinne eines Plan B müsse auch die Anpassung an ein möglicherweise langandauerndes Minimalwachstum strategisch vorbereitet werden. "Althergebrachte Kategorien von Wohlstand sind durch neue Denkansätze zu ergänzen, weg von der rein materiellen Komponente. Individuelles Wohlbefinden hängt nicht nur von materiellem Wohlstand, sondern verstärkt auch von anderen Lebensfaktoren ab. Hier gibt es laut Studien auch in Österreich noch Luft nach oben", so Schmidt.

Servoindustrieller Sektor bleibt Wachstums- und Wohlstandsmotor

Insbesondere der servoindustrielle Sektor habe auch angesichts widriger Bedingungen - viele davon hausgemacht - seine enorme Leistungsfähigkeit unter Beweis gestellt. "Die aktuellen Zahlen des Industriewissenschaftlichen Institutes (IWI) zeigen, dass der servoindustrielle Sektor, nach wie vor - trotz aller Wachstumsschwäche und Belastungen - für mehr als 58 Prozent der Wertschöpfung steht und bis zu 2,5 Mio. Arbeitsplätze in diesem Land sichert", hob der Generalsekretär der Industriellenvereinigung (IV), Mag. Christoph Neumayer hervor. Es sei klar, dass es eine "mentale Verweigerung der uns mit aller Mächtigkeit erfassenden Umstellung in unserer Gesellschaft und Wirtschaft" nicht geben darf. Hier wolle die Industrie bewusst mit der heutigen "Industrie-Konferenz" neue Denkansätze anregen, denn, "mit Rezepten aus der Vergangenheit wie Arbeitszeitverkürzung, einer Maschinensteuer oder überproportional steigenden Löhnen werden Arbeitsplätze gefährdet und Wohlstand vernichtet", so Neumayer.

Wettbewerbsfähiges Wirtschaften ermöglichen

Minimalwachstum sei zwar kein unentrinnbares Schicksal. "Aber wenn sich hier ein langfristigerer Trend abzeichnet, müssen wir entsprechend reagieren und unsere Hausaufgaben erledigen, anstatt durch kontraproduktive Handlungen den Trend noch zu verstärken. Gestaltende Politik muss wettbewerbsfähiges Wirtschaften in Österreich ermöglichen - vor allem endlich den Kosten- und Bürokratiedruck von Unternehmen verringern", so Neumayer für den "dann - und nur dann - die Industrie und die mit ihr verbundenen Sektoren das Fundament für eine erfolgreiche Zukunft sein können".

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