Tiroler Tageszeitung, Ausgabe vom 23. September; Leitartikel von Anita Heubacher: "Lieber am Herd als im Chefsessel"

Innsbruck (OTS) - In Tirol geht die Landesregierung mit schlechtem Beispiel voran: Der Frauenanteil bei Führungskräften hält sich seit Jahren auf konstant niedrigem Niveau. Eine Änderung ist nicht in Sicht, weil der politische Wille dazu fehlt.

Wenn es um Gleichbehandlung geht, weist die Tiroler Landesregierung gern auf das von ihr verabschiedete Frauenförderungsprogramm hin. Nun, es ist der Landesregierung nichts anderes übrig geblieben. Das Frauenförderungsprogramm ist keine Tiroler Vision, sondern für den öffentlichen Dienst verpflichtend. Dementsprechend wird es gelebt. Seit 2011 ist im Landesdienst keine Frau zur stellvertretenden Abteilungsleiterin oder gar zur Chefin gemacht worden. Zuletzt wurde eine Frau als stellvertretende Leiterin abgesägt. Wenn das das erste Opfer der Verwaltungsreform war, darf man gespannt sein, wie viele noch folgen werden. Ohnehin hält Tirol den Frauenanteil bei Führungskräften seit Jahren auf konstant niedrigem Niveau. 37 weiblichen stehen 180 männliche Führungskräfte gegenüber. Das geht aus dem Bericht der Gleichbehandlungsbeauftragten für das Jahr 2015 hervor. Wenn die Tiroler Landesregierung so etwas wagen würde, wie es Deutschland lebt, nämlich den größten 100 Unternehmen im Lande eine Frauenquote von 30 Prozent in Aufsichtsräten vorzuschreiben, müssten die Tiroler Unternehmer sich vor Lachen den Bauch halten. Wie soll man etwas vorschreiben, das man selbst nicht zu Wege bringt? In Tirol geht der öffentliche Dienst sicher nicht mit gutem Beispiel voran.
Das ist der Unterschied zwischen einem Lippenbekenntnis und echtem politischem Willen. In Tirol kann dementsprechend die Frauenlandesrätin von den Grünen nur noch feststellen, dass sich die Landesregierung, in der sie selbst sitzt, auf einem falschen Weg in Sachen Gleichbehandlung befindet. Frauenpolitik beim Koalitionspartner ÖVP findet im Landtag nicht statt und fand unter den schwarzen Regierungsmitgliedern keinen Platz. Während die starken Bünde in der ÖVP einen Landesrat stellen, ging der ÖVP-Frauenbund leer aus.
Dementsprechend kann die Vision der Landesregierung nur sein, Tirol zum familienfreundlichsten Bundesland zu machen. Die Familienarbeit, bitteschön, sollen aber schon nach wie vor die Frauen erledigen. Wenn das anders gedacht wäre, müsste es im öffentlichen Dienst andere Arbeitszeitmodelle, wie Führungsjobs in Teilzeit, andere, transparentere Auswahlverfahren für Spitzenjobs und Wertschätzung für Männer in Karenz geben.
Solange der politische Wille fehlt, wird sich der Bericht der Gleichbehandlungsbeauftragten so lesen wie jetzt: nämlich trist.

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