Tiroler Tageszeitung, Ausgabe vom 20. September 2015; Leitartikel von Peter Nindler: "Überzogene Erwartungen"

Innsbruck (OTS) - Die politische Erwartungshaltung in die Europaregion Tirol ist überzogen. Bei klassischen Herausforderungen wie der Verkehrspolitik ist sie bisher gescheitert.

Der Brennerbasistunnel macht noch lange keine Europaregion. Vielmehr leidet das politische Prestigeprojekt an einer überzogenen Erwartungshaltung. Die Politik marschiert schon lange vorneweg, doch die Botschaften verhallen dahinter in der Bevölkerung. Eines haben die Verantwortlichen im Bundesland Tirol, in Südtirol und im Trentino allerdings geschafft: Die grenzüberschreitende Zusammenarbeit auf vielen politischen und institutionellen Ebenen konnte verankert werden. Doch das hat gleichzeitig zu einer gewissen Kopflastigkeit der Europaregion geführt. Das Marketing ist besser als der Inhalt. Aber wer kann die Euregio mit Inhalt füllen?
Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur und Sport haben es selbst in der Hand, doch nicht einmal die Südtiroler Molkereien und die Tirol Milch waren in der Lage, etwas Gemeinsames im Milchpackerl abzufüllen. Alles andere ist ein wenig behäbig. Der Takt auf der Schiene nahm nur langsam Fahrt auf, die Kooperation der Universitäten wird hingegen zum Motor. Vielleicht sollte die Politik auch nicht zu viel europaregionalisieren und die Bevölkerung nicht ständig mit dem Euregio-Stempel zwangsbeglücken. Wo es ihn dringend benötigen würde, in der Verkehrspolitik, scheitert er weiter am Interessengemenge:
Beim prestigeträchtigen Brennerbasistunnel funktioniert es, bei der notwendigen Software abgestimmter Verlagerungsstrategien (Tempolimits, Umweltstandards, Lkw-Mauten) nicht. Die Brennerachse als grüner Vorzeige-Korridor ist so weit entfernt wie die Vorstellung von einer gemeinsamen Euregio-Tourismuswerbung; nämlich unendlich weit. 20 Jahre nach ihrer Gründung ist die Europaregion nach wie vor ein Experiment; ein schwieriges, aber zugleich spannendes. Denn der Mehrwert hat die Bevölkerung noch nicht erreicht.

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