Tiroler Tageszeitung, Ausgabe vom 17. September 2015; Leitartikel von Sabine Strobl: "Nur Schulterklopfen für Bergretter"

Innsbruck (OTS) - Im heurigen Sommer starben mehr Menschen in Tirols Bergen, doch weniger verunfallten. Das Bergwandern boomt, der Wunsch nach Sicherheit steigt. Die Forderung der Bergrettung nach mehr finanzieller Unterstützung ist legitim.

Der heurige Sommer war ein guter. Das schöne Wetter lockte viele Menschen in die Berge. Jetzt wurde die Unfallbilanz gezogen. Die Zahl der Bergtoten ist in Tirol gestiegen. Die Zahl der verunfallten Menschen ist zurückgegangen. Das sind die Fakten der am Mittwoch präsentierten Statistik von Kuratorium für Alpine Sicherheit, Polizei und Bergrettung. Die Zahlen machen aber auch klar, dass der Brennpunkt in Tirol liegt. 40 Prozent der alpinen Unfälle in Österreich ereignen sich in unserem Bundesland. Interessant ist dabei, dass ebenfalls 40 Prozent der Unfälle auf Stolpern und Stürze zurückzuführen sind. Das "normale" Bergwandern ist ein Breitensport, doch nicht immer ungefährlich. Die Bergrettung beobachtet da nicht nur fehlendes Gespür für die Bewegung in den Bergen, sondern auch "Vollkaskodenken", das sich in den Köpfen der Einheimischen und Gäste einnistet. So ist die Bergrettung zunehmend mit zu früh abgesetzten Notrufen und Fehleinsätzen konfrontiert. Insgesamt erfolgt der überwiegende Teil der Einsätze für Urlauber. Die Bergretter bleiben jährlich auf Einsatzkosten von 360.000 Euro sitzen. Vor allem mit ausländischen Versicherungen gibt es Probleme.
Es wundert also nicht, dass die Bergrettung mitten in der Wanderhochsaison auf ausgehende finanzielle Kapazitäten aufmerksam macht und bei Land und Tourismus anklopft. Einen Cent pro Übernachtung forderte zuletzt der Geschäftsführer der Landesstelle vom Tourismus. Da wäre das Loch von insgesamt 450.000 Euro gestopft, das nicht nur unbezahlte Einsätze, sondern auch juristische Pflichten, Zuschüsse für die Ausrüstung der Retter und Materialentwicklung verursachen. Abseits vom griffigen Rechenbeispiel schlägt die Bergrettung ein Gästekartenmodell vor, das eine Versicherung enthält. Manche Touristiker sehen sich als Melkkuh. Bayerische Kollegen reden von Jammern auf hohem Niveau. Zumal die Bergrettung in Tirol mit einem Jahresbudget von 3,2 Millionen (Land, Tourismus, Förderkreis) arbeitet.
Am Engagement mangelt es in Tirol nicht. Junge Männer und immer mehr Frauen stellen sich den gestiegenen Anforderungen und retten in ihrer Freizeit andere Menschen. Auch die Ehrenamtlichkeit steht außer Frage. Wie einer der 4000 Bergretter in Tirol sagt, wolle er gerade dort helfen, wo er Wissen und Können mitbringe. Motivation kann man nicht kaufen. Sonst würden alle Beteiligten schnell vor einem Scherbenhaufen stehen. Es lohnt sich, die Forderungen der Bergrettung ernst zu nehmen. Schulterklopfen ist für Bergretter zu wenig.

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