ÖSTERREICH-INTERVIEW: Faymann attackiert Orban und fordert EU-Sondersitzung

Bundeskanzler: "Erinnert an die dunkelsten Zeiten unserer Geschichte." - Lob für Merkel. Faymann: "Ich ziehe meinen Hut vor ihr."

Wien (OTS) - Bundeskanzler Faymann nimmt in einem ausführlichen, autorisierten Interview mit der Tageszeitung ÖSTERREICH (Sonntagsausgabe) aktuell zum Flüchtlings-Drama und dem Streit mit Ungarn Stellung:

Faymann: "Noch 300.000 bis 500.000 Flüchtlinge in den nächsten 100 Tagen"

Faymann nennt in ÖSTERREICH erstmals konkrete Zahlen zu den bevorstehenden Flüchtlings-Bewegungen: "Die deutsche Regierung schätzt, dass alleine heuer noch 300.000 bis 500.000 Flüchtlinge nach Deutschland kommen werden", sagt Faymann im morgigen ÖSTERREICH. -"Das heißt, in etwa so viele werden den Weg durch Österreich nehmen. Maximal ein Zehntel, also doch 30.000 bis 50.000 davon werden bei uns um Asyl ansuchen. Wenn wir bedenken, dass das alles in einem Zeitraum von rund 100 Tagen zu erwarten ist, heißt das: 3.000 bis 5.000 Flüchtlinge pro Tag werden durch Österreich durchreisen wollen, 300 bis 500 täglich werden um Asyl ansuchen.

Faymann: "Ich ziehe meinen Hut vor Angela Merkel"

Der Kanzler betont im ÖSTERREICH-Interview: "Das ist der zentrale Punkt: Wie gut funktioniert die Koordination mit Deutschland. Die entscheidende Frage ist: Werden alle Asyl-Suchenden, die nach Deutschland wollen, auch von Deutschland ins Land gelassen? Sobald hier ein Rückstau entsteht und Deutschland seine Grenze bürokratisch schließt, würde nicht nur Chaos sondern eine humanitäre Katastrophe entstehen. Denn viele Flüchtlinge sind durch ihre lange Reise auch durch Ungarn traumatisiert - von den umgeleiteten Zügen, der harten Polizei, der Drohung mit der Aweisung - dass sie solche Angst, ja geradezu Panik haben, dass sie zu allem entschlossen sind. Die gehen auch zu Fuss nach Deutschland.se Einstellung, dann hätten wir bei der Flüchtlingsverteilung kein Problem."

Faymann: Orbans Politik erinnert "an dunkelste Zeiten der Geschichte"

Werner Faymann übt im Interview mit ÖSTERREICH harte Kritik an der Flüchtlingspolitik in Ungarn. Faymann: "So, wie die Ungarn die Asylsuchenden behandeln, so geht das nicht. Die Ungarn haben laut Innenministerium nur 6.000 Betreuungsplätze - wir Österreicher haben 50.000 und schaffen gerade 20.000 neue. Die Ungarn haben für uns völlig undurchschaubare Asylverfahren mit einer sehr geringen Anerkennungsquote. Auch EU-Kommissionspräsident Jean Claude Juncker hat gesagt, die Ungarn betreiben hier Vertragsverletzungen des EU-Rechts. Vor allem aber ist es unzumutbar, dass die Flüchtlinge auch aus Ungarn mit Angst, Panik, hungernd und teilweise traumatisiert kommen. Wenn hier Züge, die in die Freiheit führen sollen, plötzlich in Lager umgeleitet werden, dann erinnert mich das an dunkle Zeiten unserer Geschichte. Wir haben uns bei der Ungarnkrise anders verhalten und rot-weiß-rote Fähnchen an die Grenze gesteckt um den Menschen auf der Flucht die Angst zu nehmen."

Faymann: "EU soll Hotspots an Ungarns Außengrenze errichten!"

Die EU, fordert Faymann im ÖSTERREICH-Interview, solle "an der ungarischen Außengrenze gemeinsam mit dem UNHCR Hotspots errichten, die das Asylrecht der Ankommenden nach EU-Standards prüfen und dann die Asyl-Berechtigten gleich gerecht verteilen." Scharfe Kritik äußert Faymann wieder am ungarischen Grenzzaun zu Serbien: "Ein Stacheldrahtzahn wird das Problem nicht lösen."

Faymann für Sondersitzung der Regierungschefs "noch im September"

Faymann kündigt im ÖSTERREICH-Interview an, dass er gleich nach dem Innenminister-Gipfel am Montag bereits für Dienstag eine Telefon-Konferenz mit Angela Merkel und EU-Ratspräsident Tusk fixiert habe. Faymann in ÖSTERREICH: "Wir wollen in dieser Telefonkonferenz die weitere Vorgangsweise auf EU-Ebene festlegen. Wobei meine Position klar ist: Ich bin für einen Sondergipfel der Regierungschefs noch im September, wo wir versuchen, eine Einigung auf die Quote, die wir dann zum Regelsystem weiterentwickeln müssen, und auf Hotspots an den Außengrenzen zu erzielen."

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