TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" Samstag, 12. September 2015, von Mario Zenhäusern: "Geht nicht gibt’s nicht!"

Innsbruck (OTS) - Innsbruck, die größte, und Gramais, eine der kleinsten Gemeinden Tirols, sind Vorreiter in der Unterbringung von Flüchtlingen, während sich nahezu 80 Prozent aller anderen Tiroler Gemeinden vor ihrer Verantwortung drücken.

Die Zahl der Flüchtlinge steigt weiter unaufhörlich an. Nicht nur in Deutschland, das von der aktuellen Krise am meisten betroffen ist, auch in Österreich nimmt die Zahl derer, die um Asyl und damit um Bleiberecht ansuchen, von Tag zu Tag zu. Das stellt die Verantwortlichen auf allen Ebenen vor schier unlösbare Probleme. Das oft geübte und leider immer wieder mit Erfolg angewandte Floriani-Prinzip - "Heiliger Sankt Florian, du Wasserkübelmann, verschon mein Haus, zünd andere an." - ist definitiv der falsche Weg, die Krise zu meistern. Wer immer nur verlangt, dass andere Flüchtlinge aufnehmen sollen, selbst aber keinen Beitrag zur Linderung des Problems leistet, wird irgendwann isoliert dastehen. Dieses Schicksal droht derzeit nahezu 80 Prozent aller 279 Tiroler Gemeinden. Sie sehen sich nach wie vor außerstande, Quartiere für jene Menschen zur Verfügung stellen, die vor dem grausamen Krieg in ihrer syrischen Heimat geflüchtet sind. Während etwa die Landeshauptstadt Innsbruck weit mehr Flüchtlinge aufnimmt, als sie eigentlich müsste, während selbst die kleine Gemeinde Gramais im Außerfern Platz für eine Familie aus Kobane fand, stehen die Hilfsbedürftigen vielerorts vor verschlossenen Toren. In Sölden etwa, mit mehr als zwei Millionen Gästenächtigungen pro Jahr eine der Tiroler Tourismusmetropolen, ist ebenso kein Platz für syrische Kriegsflüchtlinge wie in Matrei, der zweitgrößten Gemeinde Osttirols. Er habe keine freie Wohnung, argumentiert der dortige Bürgermeister. Ähnliches gilt für Mayrhofen oder Ischgl, ebenfalls Tourismus-Hotspots, oder zahlreiche Gemeinden in den Bezirken Kufstein und Kitzbühel, die zwar über jede Menge Platz für Zweitwohnsitze verfügen, aber keine Unterkunft für Flüchtlinge zur Verfügung stellen. Das ist eine Schande für Tirol.
Angesichts der Dimension der Krise ist eine nationale Kraftanstrengung notwendig. "Geht nicht gibt’s nicht!", lautet die Devise. Der Ruf nach einer europa- oder noch besser weltweiten Gesamtlösung ist schon richtig und wichtig, setzt aber voraus, dass hierzulande alle Möglichkeiten ausgeschöpft werden. Und da ist noch viel Luft nach oben. Nur wer im eigenen Haus für Ordnung sorgt, darf von anderen verlangen, dass sie das auch tun.
Mittlerweile drängt die Zeit. Herbst und Winter nahen, die Nächte werden kälter. Jetzt braucht es rasch Angebote, sonst stehen bald Tausende Flüchtlinge auf der Straße. Im Jahr 2015 eigentlich undenkbar.

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