Presserat: „Kurier“ kennzeichnet Werbung nicht ausreichend

Wien (OTS) - Der Senat 2 des Presserats beschäftigte sich mit den drei Artikeln "Reich für die Insel aus Stein", "Echte Innovation für günstiges Telefonieren und Surfen" und "Küchenstudios: Starke Marken und tiefe Preise", erschienen in der Tageszeitung "Kurier" vom 22.01.2015.

Die beiden letztgenannten Artikel verstoßen nach Auffassung des Senats gegen den Ehrenkodex für die österreichische Presse, der Artikel "Reich für die Insel aus Stein" hingegen nicht.

Der Senat stellte zunächst fest, dass die drei Veröffentlichungen für die darin behandelten Unternehmen positiv sind und sich im Hinblick auf Gestaltung, Aufmachung und Schriftbild nicht von redaktionellen Inhalten unterschieden. Eine Kennzeichnung als "entgeltliche Einschaltung", "Anzeige" oder dergleichen ist unterblieben. In der Kopfzeile zu den Artikeln über günstiges Telefonieren und über Küchenstudios wird lediglich festgehalten: "Markt Inside - eine Produktion der Mediaprint."

Die Medieninhaberin des "Kurier" nahm zu den Beiträgen folgendermaßen Stellung:
Die Artikel "Echte Innovation für günstiges Telefonieren und Surfen" und "Küchenstudios: Starke Marken und tiefe Preise" seien redaktionelle Beiträge, die im Auftrag des "Kurier" von einem Medienbüro erstellt worden seien. Dieses Medienbüro sei als externe Redaktion vom "Kurier" gegen ein Redaktionshonorar pro Seite für die Artikel beauftragt worden. Dabei wählen die Mitarbeiterinnen dieses Büros die Inhalte und die dafür notwendigen Informationen selbst aus. Für keinen dieser redaktionellen Beiträge seien von den in den Artikeln genannten Unternehmen Zahlungen erfolgt.
Bei dem Artikel "Reich für die Insel aus Stein" handle es sich laut Medieninhaberin um einen redaktionellen Artikel, der umfassend recherchiert worden sei. Es sei keine Einflussnahme Außenstehender auf Inhalt oder Form erfolgt. Die Medieninhaberin legte u.a. die Interviewnotizen sowie eine Stellungnahmen des Redakteurs vor, wonach kein Geld für den Artikel gezahlt worden sei.

Laut Senat ergibt es sich aus den Bestimmungen des Ehrenkodex, dass es den Lesern möglich sein muss, zwischen (bezahlter) Werbung und redaktionellen Beiträgen unterscheiden zu können.
Der Senat betont, dass in den Beiträgen "Echte Innovation für günstiges Telefonieren und Surfen" und "Küchenstudios: Starke Marken und tiefe Preise" ganz überwiegend eine Sprache verwendet wird, wie sie in der Werbung vorkommt.
So wird in dem ersten Beitrag schon im Titel von einer "[e]chte[n] Innovation" gesprochen, ohne dass aus dem Beitrag ersichtlich wird, worin diese genau besteht. Im Artikel wird dann angemerkt, dass "[f]rischer Wind … auf dem Mobilfunkmarkt von den Kunden dringend herbeigesehnt [werde]" und laut einer Studie "Österreich … sich ein neues Mobilfunkangebot [wünsche], und die Hofer Kunden ganz besonders." Mit HoT werde "die Hofer-Eigenmarkenfamilie um eine innovative Produktkategorie ergänzt."
Der Artikel "Küchenstudios: Starke Marken und tiefe Preise" beginnt damit, dass man "[b]ei kika Leiner Qualität zum kleinen Preis" erhalte, es eine "große Auswahl namhafter Marken […] zu günstigen Preisen" gebe und "Einbauküchen der Marke Nolte es jetzt sogar zum halben Preis [gebe]". "Auch bei Qualitäts-Elektrogeräten" spare man "als Kunde bei kika Leiner jetzt 50 Prozent auf die Marken Siemens, Bosch, Neff."

Die Leiterin des vom "Kurier" beauftragten Medienbüros gab gegenüber dem Senat an, dass man die Informationen für diese Beiträge zu einem großen Teil über Pressematerial von den Unternehmen selbst bekommen habe. Die unreflektierte Wiedergabe dieser (Werbe-)Informationen hält der Senat aus medienethischer Sicht für problematisch. Die zwei Beiträge könnten genauso gut aus einer Werbebroschüre dieser Unternehmen stammen.
Der Senat kann weder eine entsprechende redaktionelle Aufarbeitung noch die erforderliche journalistische Distanz erkennen. Eine gewissenhafte und korrekte Recherche iSd. Punkts 2 des Ehrenkodex ist nicht erfolgt. Der Senat geht davon aus, dass hier bloß das PR-Material der Unternehmen übernommen wurde.
Der überwiegend werbliche Charakter der Veröffentlichungen ist durch Aufmachung und Aufbereitung verschleiert worden (vgl. Punkt 3.1 des Ehrenkodex).
Die Beiträge sind formal wie die redaktionellen Inhalte des "Kurier" gestaltet, inhaltlich bewertet sie der Senat jedoch als Werbung. Eine entsprechende Kennzeichnung erfolgte nicht.
Dabei tut es nichts zur Sache, ob für die Werbung tatsächlich Geld entrichtet wurde. Auch wenn eine Werbung allein aus Gefälligkeit gebracht wird, ist sie entsprechend als solche zu kennzeichnen. Werden für einen Artikel ganz überwiegend PR-Texte von Unternehmen verwendet, die im Werbestil verfasst sind, und wird auf eigene Recherchen vollkommen verzichtet, qualifiziert das der Senat als Werbung, die gekennzeichnet werden muss.
Die Kennzeichnung als "Markt Inside - eine Produktion der Mediaprint" bewertet der Senat als unzureichend. Beide Artikel verstoßen daher gegen die Grundsätze des Ehrenkodex.

Den Artikel "Reich für die Insel aus Stein" stuft der Senat demgegenüber als einen redaktionellen Beitrag ein, der ausführlich recherchiert wurde. Zwar wird in dem Artikel beispielsweise der Preis einer "Kochinsel aus Stein" genannt, dies geschieht jedoch nicht auf eine Art und Weise und unter Verwendung von Formulierungen, die nur an Werbung erinnern, sondern in einem sachlichen Stil. Der Artikel informiert die Leser. Entscheidend ist auch, dass durch den Artikel -anders als bei den beiden anderen Artikeln - die Kaufentscheidung der Leser nicht schon fast initiiert wird. Aufgrund gewissenhafter Recherche können innerhalb gewisser Grenzen auch positive Berichte über ein Unternehmen als redaktionelle Inhalte gebracht werden, selbst wenn dadurch ein Werbeeffekt für das Unternehmen erzielt wird. Hinsichtlich dieses Artikels stellte der Senat das Verfahren ein.

Die betroffene Medieninhaberin wurde aufgefordert, die Entscheidung freiwillig in der Tageszeitung "Kurier" zu veröffentlichen.

SELBSTÄNDIGES VERFAHREN AUFGRUND EINER MITTEILUNG EINES LESERS
Der Presserat ist ein Verein, der sich für verantwortungsvollen Journalismus einsetzt und dem die wichtigsten Journalisten- und Verlegerverbände Österreichs angehören. Die Mitglieder der Senate des Presserats sind weisungsfrei und unabhängig.
Im vorliegenden Fall führte der Senat 2 des Presserats aufgrund einer Mitteilung eines Lesers ein Verfahren durch (selbständiges Verfahren aufgrund einer Mitteilung). In diesem Verfahren äußert der Senat seine Meinung, ob ein Artikel oder ein journalistisches Verhalten den Grundsätzen der Medienethik entspricht. Die Medieninhaberin des "Kurier" hat von der Möglichkeit, an dem Verfahren teilzunehmen, Gebrauch gemacht.
Die Medieninhaberin des "Kurier" hat sich der Schiedsgerichtsbarkeit des Presserats unterworfen.

Rückfragen & Kontakt:

Andreas Koller, Sprecher des Senats 2, Tel.: 01-53153-830

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