Presserat: Zur Berichterstattung über den Absturz einer Germanwingsmaschine

Wien (OTS) - Der Senat 3 des Presserats beschäftigte sich mit mehreren Artikeln über den Absturz einer Germanwingsmaschine am 24.03.2015.

Zur Veröffentlichung von Namen und Bild des Co-Piloten

Der Senat ist der Auffassung, dass das Bild und der Name des Co-Piloten, der die Maschine zum Absturz gebracht hat, von den Medien veröffentlicht werden darf.
Der Kriminal- und Unglücksfall, über den hier berichtet wurde, ist nach Meinung des Senats in seiner Art und Dimension außergewöhnlich:
Neben dem Co-Piloten sind bei dem Flugzeugabsturz 149 Menschen ums Leben gekommen. Im Vergleich zu anderen Unglücks- und Kriminalfällen gibt es hier deshalb einen weiteren Spielraum für die Berichterstattung.
Hinzu kommt, dass die französische Staatsanwaltschaft den Namen und das Bild des verdächtigen Co-Piloten im Rahmen einer Pressekonferenz veröffentlichte. Spätestens ab diesem Zeitpunkt betrachtet es der Senat als legitim und vom Informationsinteresse der Allgemeinheit gedeckt, die Identität des Verdächtigen auch in den Medien bekannt zu geben.
Die identifizierende Berichterstattung verstößt somit nicht gegen den Ehrenkodex für die österreichische Presse.

Überschießende Berichterstattung der Tageszeitung "Heute"

Vom Senat gerügt wurde jedoch ein Artikel in der Tageszeitung "Heute". Darin wurde der Co-Pilot als "Killer mit einem teuflischen Plan" beschrieben. In diesem Fall hält der Senat die Art der Aufbereitung und Darstellung für bedenklich. Der Senat berücksichtigt dabei auch, dass zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des Artikels der Ermittlungsstand der Behörden verhältnismäßig vage war. Der Artikel verstößt nach Meinung des Senats gegen Punkt 5.1 des Ehrenkodex, wonach jeder Mensch Anspruch auf Persönlichkeitsschutz hat.
Die Wiedergabe eines Zitats von Niki Lauda in einem Interview in der "Kronen Zeitung", wonach dieser einen Co-Piloten, der einen derart "grauenhaften Plan" umsetze, für einen "Mörder" halte, beanstandete der Senat hingegen nicht.

Zur Veröffentlichung von Bildern der trauernden Angehörigen

In einem Verfahren aus eigener Wahrnehmung untersuchte der Senat die Veröffentlichung von Bildern der trauernden Angehörigen der Opfer des Flugzeugabsturzes in mehreren Medien.
Auf den meisten der geprüften Bilder sind die Gesichter der Angehörigen zu erkennen. Zum Teil haben die Angehörigen ihre Gesichter bewusst verdeckt bzw. sind diese durch andere Personen verdeckt. Einige Angehörige wirken auf den Fotos gefasst, andere geschockt und einige auch völlig verzweifelt. Ein paar Angehörige sind weinend dargestellt.
Nach Meinung des Senats verstößt die Abbildung von trauernden Angehörigen von Opfern eines Flugzeugabsturzes gegen Punkt 5 des Ehrenkodex (Persönlichkeitsschutz). Die Angehörigen der Opfer befanden sich in einer psychischen Ausnahmesituation. Dabei spielt es keine Rolle, dass die Flughäfen, wo die Fotos entstanden sind, öffentlich zugängliche Orte sind. Von den Pressefotografen und -fotografinnen und auch von den Redakteurinnen und Redakteuren ist entsprechende Zurückhaltung einzufordern.
Der Senat erkennt kein öffentliches Interesse daran, die Angehörigen in ihrer Trauer und Verzweiflung abzubilden.
Schwerwiegende Verstöße gegen den Ehrenkodex stellt der Senat gegen die Tageszeitung "Heute", gegen das Online-Medium "heute.at", gegen die "Kronen Zeitung", gegen die Tageszeitung "Österreich", gegen das Online-Medium "oe24.at" und gegen die "Wiener Zeitung" fest.
Für die Qualifikation als schwerwiegenden Verstoß ist es vor allem entscheidend, dass die Angehörigen in Großaufnahme und mit schmerzverzerrtem Gesicht oder weinend gezeigt wurden. Derartige Bildveröffentlichungen dienen nach Ansicht des Senats in erster Linie der Befriedigung des Voyeurismus der Leserinnen und Leser.
Besonders scharf kritisiert der Senat eine eigene "Slide-Show" nur mit Bildern von trauernden Angehörigen auf oe24.at: Das Leiden der Angehörigen wurde hier offenbar ganz bewusst zur Schau gestellt. Verstöße gegen den Ehrenkodex (ohne diese als schwerwiegend zu qualifizieren) stellt der Senat gegen das Online-Medium "kleinezeitung.at", die "Salzburger Nachrichten" und das Online-Medium "salzburg.com" fest. Der Senat hebt positiv hervor, dass die beiden letztgenannten Medien in einer Stellungnahme an den Senat mitgeteilt haben, in Zukunft genauer auf den Schutz der Angehörigen zu achten.
Gegen die Online-Medien "diepresse.com" und "nachrichten.at" stellt der Senat lediglich einen geringfügigen Verstoß gegen den Ehrenkodex fest und spricht einen Hinweis aus. In beiden Medien wurden im Rahmen von langen Fotostrecken nur sehr wenige Bilder von Angehörigen gezeigt.
Auch die Tageszeitung "Kurier" erhielt einen Hinweis: Dort wurde ein Bild von Angehörigen gezeigt, auf dem diese von hinten abgebildet sind.
Die Entscheidungen im Langtext finden Sie unter www.presserat.at

SELBSTÄNDIGE VERFAHREN AUFGRUND VON MITTEILUNGEN VON LESERINNEN UND LESERN BZW. AUS EIGENER WAHRNEHMUNG
Der Presserat ist ein Verein, der sich für verantwortungsvollen Journalismus einsetzt und dem die wichtigsten Journalisten- und Verlegerverbände Österreichs angehören. Die Mitglieder der Senate des Presserats sind weisungsfrei und unabhängig.
In den vorliegenden Fällen hat der Senat 2 des Presserats aufgrund von Mitteilungen von Leserinnen und Lesern bzw. auf eigene Initiative Verfahren durchgeführt (selbständige Verfahren aufgrund einer Mitteilung bzw. aus eigener Wahrnehmung). In diesen Verfahren äußert der Senat seine Meinung, ob ein Artikel den Grundsätzen der Medienethik entspricht.
Die Medieninhaberinnen der Tageszeitung "Kurier", der "Salzburger Nachrichten", von "salzburg.com" und der "Wiener Zeitung" haben von der Möglichkeit, an dem Verfahren teilzunehmen, Gebrauch gemacht. Die Medieninhaberinnen der Tageszeitung "Die Presse", der "Kleinen Zeitung", der Tageszeitung "Kurier", der "Oberösterreichischen Nachrichten" und der "Salzburger Nachrichten" haben sich der Schiedsgerichtsbarkeit des Presserates unterworfen, die Medieninhaberinnen der Tageszeitung "Heute", der "Kronen Zeitung" und der Tageszeitung "Österreich" bisher hingegen nicht.

Rückfragen & Kontakt:

Wolfgang Unterhuber, Sprecher des Senats 3, Tel.: 0664-80666-8600

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | OPR0001