OÖNachrichten-Leitartikel: ",Mutti' Angela Merkel wird's schon richten"", von Clemens Schuhmann

Ausgabe vom 4. September 2015

Linz (OTS) - Der Papa wird’s schon richten, heißt es gemeinhin. Nicht so in der Europäischen Union. Wenn nämlich irgendwo in der Union der 28 der Hut brennt, wird laut und mit Nachdruck nach "Mutti" gerufen. Mit "Mutti" ist die deutsche Kanzlerin Angela Merkel gemeint. Sie musste den Euro retten, jettete zum Höhepunkt der Ukraine-Krise innerhalb weniger Tage nach Kiew, Washington, Moskau, Brüssel und Minsk und rang dem russischen Staatschef Wladimir Putin ein wackeliges Abkommen ab. Damit konnte der Konflikt entscheidend deeskaliert werden - immerhin. Der dabei anwesende französische Präsident François Hollande, den Merkel an der Hand nahm, war dabei Staffage. Damit sollte wohl der Eindruck eines deutschen Alleingangs vermieden werden.
Und wenn die Griechenland-Krise wieder einmal eskaliert, schielt die EU gespannt in Richtung Berlin. Daher war es auch nur eine Frage der Zeit, dass in der Flüchtlingskrise der Ruf nach Merkel laut wird. Der ungarische Premier Viktor Orban sprach gestern - in einer Melange aus Berechnung und himmelschreiender Inkompetenz - den entscheidenden Satz aus: "Das Problem ist kein europäisches Problem. Das Problem ist ein deutsches Problem." Was natürlich Unfug ist, denn die Flüchtlingsfrage ist nur europäisch zu lösen!
Aber abgesehen davon: Deutschland ist - in Person von Merkel - als Führungskraft immer stärker gefragt. Nicht zuletzt deshalb, weil das zunehmend anderwärtig beschäftigte Washington immer mehr Raum lässt. Wobei es dabei nicht immer nur um Führung im eigentlichen Sinn, sondern ums Geld geht. Die entscheidende Frage, die sich in diesem Zusammenhang stellt, lautet: Will Deutschland seiner Verantwortung überhaupt gerecht werden? Die Antwort lautet: Ja, wenn auch zögerlich. Die Scheu vor der politischen Führungsrolle wird mehr und mehr abgelegt. Berlin verfolgt immer mehr eigene Interessen - wie das Großbritannien und Frankreich übrigens schon lange tun. Und Berlin versteckt sich nicht mehr länger hinter der EU-Flagge, dem Verteidigungsbündnis NATO oder hinter der Last der eigenen Geschichte.
Je mehr Berlin an Verantwortung übernimmt, desto mehr steigt der Druck, konkrete Lösungen aufzuzeigen - in der Griechenland-Krise, in der Ukraine-Krise. Und nun ganz besonders in der aktuellen Flüchtlingskrise. Auch daran wird "Mutti Merkel" gemessen werden.

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