Mehr Jobs für Junge und Investitionen in Weiterbildung sind der Schlüssel gegen soziale Ungerechtigkeit

Breakout-Session bei den Wirtschaftsgesprächen in Alpbach zum Thema „Soziale Ungerechtigkeit in Europa bewältigen“

Wien (OTS) - Die deutsche Bertelsmann Stiftung konstatiert in ihrer aktuellen Studie "Social Justice in the EU - A Cross-national Comparison", dass die Ungleichheit in Europa weiter wächst. Daniel Schraad-Tischler, Senior Project Manager der Bertelsmann Stiftung, erläuterte zu Beginn des Arbeitskreises "Soziale Ungerechtigkeit in Europa bewältigen" bei den Wirtschaftsgesprächen beim Europäischen Forum in Alpbach die Eckpunkte der Publikation, die im Oktober 2015 veröffentlicht wird. Untersucht wurden die Themengebiete Armutsbekämpfung, Zugang zu Bildung, Arbeitsmarktzugang, Sozialer Zusammenhalt und Diskriminierung, Gesundheitssystem und Generationengerechtigkeit. Im Gesamtranking erreicht Österreich hinter Schweden, Dänemark, Finnland, den Niederlanden und der Tschechischen Republik den sechsten Platz. Schlusslichter sind Bulgarien, Rumänien und Griechenland.

"Die Unterschiede innerhalb der Europäischen Union sind beträchtlich und die Kluft zwischen den nord- und südeuropäischen Staaten hat sich seit der Wirtschafts- und Finanzmarktkrise von 2009 weiter vergrößert", betonte Schraad-Tischler. Trotz aller Bemühungen der Europäischen Union sei noch immer keine klare Umkehr dieses Prozesses erkennbar. "Die Armut in Spanien, Portugal und Griechenland ist größer geworden." Weiters zeige die Studie, dass junge Leute in Europa härter von sozialer Ungerechtigkeit betroffen sind als ältere Mitbürger. "Besonders die hohe Jugendarbeitslosigkeit in einigen europäischen Ländern stellt ein großes Problem dar. Der Arbeitsmarkt ist noch weit weg vom Status Quo vor der Krise. Wiewohl seit 2013 ein leichter Aufwärtstrend ersichtlich ist, erweist sich die Situation vor allem in den südeuropäischen Ländern als noch immer dramatisch", so Schraad-Tischler.

Die Schlussfolgerungen der Studie: Die EU und ihre Mitgliedstaaten müssen mehr für Kinder und junge Menschen tun und sie brauchen vor allem eine gemeinsame Strategie für Wachstum und soziale Gerechtigkeit. Denn andernfalls gefährde die soziale Ungleichheit zwischen den EU-Mitgliedstaaten und zwischen den Generationen das "Projekt Europa". "Dabei muss der richtige Kurs zwischen Budgetkonsolidierung und zukunftsorientierten Investitionen in Bildung sowie Forschung und Entwicklung gefunden werden. Hier kommt die Wirtschaft ins Spiel: ein funktionierender Arbeitsmarkt ist der Schlüssel für die weitere Entwicklung. Europa braucht dringend mehr Jobs für Junge und Investitionen in Weiterbildung und Lebenslanges Lernen sind unumgänglich", so Schraad-Tischler abschließend.

WKÖ-Schultz: Wettbewerbsfähige Unternehmen und Wachstum sind Basis für mehr Beschäftigung

"Menschen haben unterschiedliche Talente, Einstellungen, Haltungen. Vielfalt, Wettbewerb, Leistung - all diese Faktoren basieren auf Unterschieden zwischen Menschen bzw. von Unternehmen" betonte Martha Schultz, Vizepräsidentin der Wirtschaftskammer Österreich, und präsentierte ein Beispiel: "Ich komme aus Tirol, das berühmt für seine Skigebiete und Skifahrer ist. Bei einem Ski-Rennen bekommt der Sieger alles. Das ist der Grund, warum jeder spektakulär schnell unterwegs ist. Wenn jeder Teilnehmer - unabhängig von seiner Leistung - gleich behandelt und denselben Preis wie der Sieger erhalten würde, wären die Rennen viel langsamer und wahrscheinlich langweilig. Unterschiede machen das Leben interessant und bieten Anreize."

"Auf der anderen Seite wollen Menschen gleich behandelt werden, insbesondere bezüglich ihrer Rechte und Pflichten. Eine Gesellschaft braucht einen gewissen Zusammenhalt. Deshalb engagieren wir uns in einer sozialen Marktwirtschaft, die auch mit einer gewissen Umverteilung von Ressourcen einhergeht. Dabei brauchen Menschen mit Nachteilen besondere Unterstützung, um ihr volles Potential zu erreichen. Also bedeutet Gerechtigkeit auch Gleichbehandlung und Unterstützung für die Schwachen. Aber Gerechtigkeit bedeutet nicht die Abschaffung aller Unterschiede. Eine Gesellschaft, in der alle das gleiche Einkommen und die gleiche Arbeitszeit haben ist nicht wünschenswert und nicht möglich, außer vielleicht in einer Diktatur", so Schultz.

In Bezugnahme auf die von der Bertelsmann Stiftung präsentierten Daten betonte die WKÖ-Vizepräsidentin: "Die Studie streicht die Kluft zwischen den Ländern, die am meisten von der Krise betroffen sind, und den nördlichen und mittleren europäischen Ländern hervor, die aufgrund der notwendigen Sparmaßnahmen entstanden ist. Es ist keine Überraschung, dass der Sozialstaat in vielen Ländern wegen der notwendigen Sparpolitik Rückschläge erlitten hat. Aber das ist nicht die ganze Geschichte: Spanien, Griechenland oder Irland genossen vor der Krise sehr hohe Wachstumsraten. Die meisten der neuen Mitgliedstaaten holten auch während und nach der Krise auf. Vergessen wir nicht: ein Grundprinzip der EU ist der Zusammenhalt. Deshalb gibt es eine große Umverteilung von Ressourcen von den reichen in die ärmeren Mitgliedstaaten. In Ländern mit einer nachhaltigen Wirtschafts- und Sozialpolitik führte dieser Prozess zu Erfolgsgeschichten. In anderen Ländern konnte wegen falscher Politik aber kein Ausgleich für die Auswirkungen der Krise erreicht werden."

"Zum größten Teil stimme ich auch mit den Schlussfolgerungen der Studie überein. Wir brauchen eine nachhaltige Wirtschafts- und Sozialpolitik. Dies bedeutet auf der einen Seite strenge Haushaltsdisziplin, gleichzeitig weniger Besteuerung von Arbeit und langfristige Investitionen, vor allem in die Menschen, zum Beispiel in das Bildungssystem, die Kinderbetreuung, in Forschung und Innovation. Die Vielfalt innerhalb der EU ist Schwäche und Stärke gleichzeitig. Wir können voneinander lernen und den Austausch vorbildlicher Praktiken wie z.B. dem österreichischen System der Berufsausbildung, den deutschen Arbeitsmarktreformen, dem schwedischen Pensionssystem oder dem finnischen Bildungssystem vorantreiben. Und last but not least: eine wichtige Voraussetzung, um ein sozial gerechtes einkommensstarkes Land bleiben zu können, sind wettbewerbsfähige Unternehmen, die Mitarbeiter beschäftigen", so Schultz abschließend. (PWK652/TB)

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