OÖNachrichten-Leitartikel: "Plötzlich mitten unter uns", von Wolfgang Braun

Ausgabe vom 29. August 2015

Linz (OTS) - Es gibt diese Ereignisse, die wie eine gewaltige Welle über uns hereinbrechen, uns durchrütteln und uns mit einem Mal alles unverzerrt und klar vor Augen führen. Ereignisse mit einer Wucht, die Stimmungen drehen können, weil sie unsere Lust am Verdrängen unerbittlich aus der Bahn werfen und uns zu den wenigen wirklich grundsätzlichen Fragen führen.
Das trostlose, verzweifelte Sterben von 71 Flüchtlingen in einem Lkw auf der A4 im Burgenland ist so ein Ereignis.
Es ist so groß, dass die seit Wochen heiß laufende Asyldebatte in unserem Land mit einem Schlag eine neue Dimension erhält: weg vom Zank um Quoten und Quartiere, weg vom politischen Kleingeld, hin zu einer gnadenlosen Frage von Leben oder Tod.
Plötzlich müssen wir mitten unter uns eine Realität ertragen, die wir sonst nur aus entlegenen Weltregionen kennen, ausblendbar per Fernbedienung. Plötzlich bekommt die anonyme Masse der Flüchtlinge, die "Flüchtlingswelle", ein Gesicht, ein Schicksal.
Das trifft. Schmerz und Schock sind verständlich, ebenso aber auch die Ratlosigkeit angesichts einer Herausforderung, auf die Europa an allen Ecken und Enden nicht vorbereitet ist.
Daher ist jetzt ein Moment, um innezuhalten. Nicht nur aus Respekt vor den Toten, sondern auch, weil eine sachliche Neuorientierung in der Flüchtlingsdebatte dringend notwendig ist.
Unverrückbar bleibt, dass die Existenzberechtigung der EU bedrohlich unterminiert wird, wenn die Gemeinschaft weiter scheitert, eine gemeinsame, konsequente Linie in der Steuerung der Flüchtlingsströme zu finden. Es ist eine historische Bewährungsprobe für die EU. Richtig ist auch, dass es weltpolitischer Initiativen bedarf, um die Lage in den Herkunftsländern der Flüchtlinge, also in Syrien, im Irak, in Afghanistan etc., so weit zu verbessern, dass dort wieder eine halbwegs sichere und lebenswerte Existenz möglich ist. Doch wir sollten uns keine Illusionen machen: Das ist eine Aufgabe, die Jahre, wenn nicht Jahrzehnte in Anspruch nehmen wird. Zur Bewältigung der aktuellen Wanderbewegung nach Europa trägt dieses Argument wenig bis nichts bei.
Die wichtigste Lehre aus der Flüchtlingstragödie im Burgenland hat aber ohnehin nichts mit abstrakten politischen Diskussionen zu tun:
Sie betrifft vielmehr unsere Haltung gegenüber den Menschen, die sich hierher zu uns durchschlagen. Wer seine Heimat hinter sich lässt, wer alles aufgibt, wer sich wie Vieh auf ein Boot oder in einen Lkw packen lässt und dabei sein Leben riskiert, der ist kein Glücksritter oder Abenteurer, sondern ein zutiefst verzweifelter, vertriebener und entwurzelter Mensch auf der Suche nach ein bisschen Leben in Sicherheit.
Wer über unsere Grenzen nach Deutschland schaut, wo der Mob bereits Flüchtlingsheime in Brand setzt, kann ermessen, wie entscheidend diese Erkenntnis ist. Sie sollte unsere Zivilgesellschaft gegen Krone-Kampagnen und gefährliche politische Hetzereien immunisieren. Wer einschlägige Internet-Foren mit teils absurden Hass-Postings verfolgt, weiß, wie notwendig es ist, hier einen Wall des Anstands zu errichten.
Das alles ist selbstverständlich kein Freibrief dafür, dass alle, die zu uns kommen, auch bleiben können. Das würde Österreich überfordern. Das Schicksal der 71 Toten im Burgenland zeigt aber drastisch, dass viele der Flüchtlinge, die es zu uns schaffen, zuvor von mafiösen Schlepper-Organisationen zur bloßen Transportware degradiert wurden. Da ist schon viel geholfen, wenn wir diesen Menschen ein wenig Würde zurückgeben und sie mit Respekt empfangen. Wer menschlich handelt, kann nie falsch liegen.

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