TIROLER TAGESZEITUNG: Leitartikel vom 28. August 2015 von Mario Zenhäusern - Tödliche Fluchthilfe

Innsbruck (OTS) - Während die internationale Schleppermafia immer skrupelloser agiert, verharrt die EU in Schockstarre. Dabei ist längst klar, dass nur rasches Handeln in den Krisenregionen selbst eine humanitäre Katastrophe verhindern kann.
Gestern hat das Grauen auch in Österreich ein bisher nicht gekanntes Ausmaß erreicht. Dutzende tote Flüchtlinge in einem Lkw im Burgenland lösen blankes Entsetzen aus. Auch wenn das jetzt zynisch klingen mag:
Überraschend ist der Fund auf der Ostautobahn nicht. Millionen von Vertriebenen aus den Krisenregionen im Nahen Osten und in Zentralafrika sind auf der Flucht. Viele von ihnen suchen in Europa Schutz. Die Schlepperbanden, die am Leid dieser Menschen Geld verdienen, haben also leichtes Spiel. Und sie sind skrupellos genug, um Menschen ins Verderben zu schicken.
Der Fall unterstreicht aber einmal mehr, wie sehr die ins Land drängenden Menschenmassen sämtliche Instanzen überfordern. Österreich steht ebenso ohnmächtig vor der humanitären Katastrophe wie die gesamte Europäische Union. Die vielgerühmte Staatengemeinschaft ist gelähmt, weil Einzelinteressen überwiegen. Die Bremser blockieren jede offensive Maßnahme. Eine gefährliche Pattstellung. Denn der Flüchtlingsstrom wird erst nachlassen, wenn sich die Situation in den Herkunftsländern der Hilfesuchenden nachhaltig ändert. In Syrien zum Beispiel, woher ein guter Teil der Asylsuchenden stammt, wüten die Mörderbanden des Islamischen Staates (IS) nach wie vor nahezu ungehindert. Die Folge ist ein Massenexodus der syrischen Bevölkerung. Wer den stoppen will, kommt um Maßnahmen in der Krisenregion selbst nicht herum. Anders gesagt: Wer weitere Gräueltaten verhindern will, muss den IS bekämpfen. Wirtschaftlich. Militärisch. Mit vereinten Kräften.
Österreich wird sich an dieser Aktion in geeigneter Form beteiligen müssen, will es sich nicht dem Vorwurf aussetzen, aus der sicheren Deckung der Neutralität heraus andere EU-Staaten in eine kriegerische Auseinandersetzung zu hetzen. Eine ernsthafte Debatte über dieses Thema und über die Sinnhaftigkeit der Neutralität hat bis jetzt (noch) nicht stattgefunden.
Der Kampf gegen den IS ist ohne Alternative, aber eben nur eine von vielen überfälligen Maßnahmen. Der international harmonisierte Kampf gegen die Schlepper, die Unterstützung der EU-Randstaaten bei der Grenzsicherung oder die Verstärkung des Drucks auf Libyen, von dessen Mittelmeerküsten nach wie vor Hunderttausende Flüchtlinge aus Zentralafrika die lebensgefährliche Überfahrt nach Europa wagen - es gibt viele Ansatzpunkte. Wenn die Bremser in der EU nicht wollen, dass Bilder von toten Flüchtlingen auch bei uns Alltag werden, sollten sie nicht länger den Kopf in den Sand stecken.

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