Presserat: Zur Berichterstattung über den Suizid von Rakhat Aliyev

Wien (OTS) - Der Senat 2 des Presserats beschäftigte sich mit Online-Artikeln über den (mutmaßlichen) Suizid Rakhat Aliyevs, die am 26.02.2015 auf "www.heute.at", "www.kleinezeitung.at", "www.vol.at" und "www.wienerzeitung.at". erschienen sind. In den Artikeln wird berichtet, dass Rakhat Aliyev in seiner Zelle in der Justizanstalt Josefstadt tot aufgefunden wurde. Die Artikel enthalten eine wortgleiche Passage aus einer APA-Meldung, wonach es grundsätzlich nicht schwierig sei, sich mit einer Mullbinde zu erhängen. Außerdem wird detailliert beschrieben, wie ein derartiger Suizid abläuft. Der Senat stellte die Verfahren ein.

Eine Leserin wandte sich an den Presserrat und kritisierte, dass eine derart genaue Darstellung quasi eine "Anleitung zum Suizid" sei und gegen Punkt 12 des Ehrenkodex verstoße, wonach Berichterstattung über Suizide große Zurückhaltung erfordert. Bei dem Artikel auf "vol.at" leitete der Senat auf eigene Initiative ein Verfahren ein.

Die Russmedia Digital GmbH, die Wiener Zeitung GmbH und die Kleine Zeitung GmbH & Co KG haben vorgebracht, dass die Berichterstattung über den Suizid von Rakhat Aliyev im öffentlichen Interesse und daher zulässig sei. Es habe sich dabei um einen Fall gehandelt, der von beispielloser Dimension sei, und es bestünden durchaus Zweifel daran, ob Aliyev tatsächlich in seiner Zelle Suizid verübt habe, oder ob er ermordet worden sei. Um den Leserinnen und Lesern zu zeigen, dass ein Suizid möglich gewesen sei, sei es gerechtfertigt gewesen, den Suizid detailliert zu beschreiben.

Der Senat ist der Ansicht, dass es aus medienethischer Sicht grundsätzlich bedenklich ist, einen Suizid derart detailliert wie in den oben angeführten Artikeln zu schildern.
Dass die beanstandete Passage auf eine APA-Meldung zurückgeht, befreit die Medien nicht von ihrer Verantwortung, zu prüfen, ob die Passage mit den medienethischen Vorgaben des Ehrenkodex vereinbar ist.
Im konkreten Fall ist jedoch zu berücksichtigen, dass der Suizid ein bedeutendes Ereignis im "Fall Aliyev" war. Bereits seit mehreren Jahren beschäftigt dieser Fall weit über Österreich hinaus sowohl die Öffentlichkeit als auch die Behörden.
Außerdem wurde der Suizid in einer Haftanstalt verübt. Eine Diskussion darüber, warum und wie ein Suizid in einer Haftanstalt möglich war, ist von öffentlichem Interesse. Zudem bestehen in diesem Fall Zweifel, ob es sich tatsächlich um einen Suizid handelt oder ob Aliyev nicht doch durch Fremdverschulden zu Tode kam. Laut Medienberichten wurde er von anderen Häftlingen bedroht. Weiters hatte Aliyev als ehemaliger Vize-Außenminister und vormaliger stellvertretender Geheimdienstchef Kasachstans viele Feinde. Schließlich gab es auch Zweifel daran, ob eine Selbsttötung mit einer Mullbinde überhaupt möglich ist. Eine genauere Schilderung des Suizidablaufs erscheint dem Senat deshalb ausnahmsweise gerechtfertigt.

Der Senat bewertet die vorliegende Berichterstattung als einen Grenzfall und aus medienethischer Sicht als gerade noch zulässig.

Dennoch hätten laut Senat die vorliegenden Berichte auch etwas zurückhaltender gestaltet werden können.
Detaillierte Berichte über einen Suizid bergen stets Nachahmungsgefahr: Andere Personen, die sich in einer Krise befinden, könnten durch die genaue Schilderung des Suizidablaufs dazu angeregt werden, auf gleiche Art und Weise Suizid zu begehen.
Aufgrund der besonderen Umstände des Falles - insbesondere wegen der Zweifel an der konkreten Suizidmethode - nimmt der Senat jedoch davon Abstand, einen Verstoß gegen Punkt 12 des Ehrenkodex festzustellen.

SELBSTÄNDIGES VERFAHREN AUFGRUND EINER MITTEILUNG EINER LESERIN BZW. AUS EIGENER WAHRNEHMUNG
Der Presserat ist ein Verein, der sich für verantwortungsvollen Journalismus einsetzt und dem die wichtigsten Journalisten- und Verlegerverbände Österreichs angehören. Die Mitglieder der Senate des Presserats sind weisungsfrei und unabhängig.
In den vorliegenden Fällen hat der Senat 2 des Presserats aufgrund einer Mitteilung einer Leserin bzw. auf eigene Initiative Verfahren durchgeführt (selbständige Verfahren aufgrund einer Mitteilung bzw. aus eigener Wahrnehmung). In diesen Verfahren äußert der Senat seine Meinung, ob ein Artikel den Grundsätzen der Medienethik entspricht. Die Medieninhaberinnen der "Wiener Zeitung", der "Kleinen Zeitung" und von "vol.at" haben von der Möglichkeit, an dem Verfahren teilzunehmen, Gebrauch gemacht, die Medieninhaberin der Tageszeitung "Heute" dagegen nicht.
Die Medieninhaberinnen der "Wiener Zeitung", der "Kleinen Zeitung" und der "Vorarlberger Nachrichten" haben sich der Schiedsgerichtsbarkeit des Presserates unterworfen, die Medieninhaberin der Tageszeitung "Heute" bisher hingegen nicht.

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Andreas Koller, Sprecher des Senats 2, Tel.: 01-53153-830

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