TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" Freitag, 14. August 2015, von Anita Heubacher: "Patienten um 3,99 Euro abzugeben"

Innsbruck (OTS) - So schlimm Ärzteleiden auch sein mögen, aus Sicht der Patienten ist das alles auch nicht lustig. Aufgrund von Reformstaus haben wir uns daran gewöhnen müssen, zweimal zu zahlen:
in die Kasse und die private Vorsorge.

Als Patient ist man Kunde und als solcher mal mehr, mal weniger wert. Im Spital ist das offensichtlich, da wird man unverblümt nach der Zusatzversicherung und oft erst danach nach dem Befinden befragt. Aber auch im niedergelassenen Bereich hat sich in den letzten Jahren die Zweiklassenmedizin breitgemacht. Die Zahl der Wahlärzte vor allem unter den Fachärzten ist um 50 Prozent gestiegen. Das liegt auch am Abrechnungssystem. Wahlarztpraxen werden von Ärzten ohne Kassenverträge geführt. Sie können ihre Honorare frei festlegen und der Patient bekommt einen Teil davon rückerstattet. Dass er auf einem Teil der Kosten sitzenbleibt, daran hat sich der Patient schon gewöhnt, obwohl er bereits Sozialversicherung bezahlt hat. Schließlich ist einem die Gesundheit auch etwas wert, wenn man es sich leisten kann.
In Österreich kann sich der gemeine Patient seine Krankenkasse nicht aussuchen. Das bitte hängt vom Berufsstand ab. Und so finden sich die Patienten unterschiedlich bewertet, weil sie nach unterschiedlichen Systemen einzahlen, wie viel, ist dabei zweitrangig. Der ASVG-Versicherte findet sich daher in den Gebietskrankenkassen wieder, die eigentlich alle schlechten Beitragszahler wie Arbeitslose oder Studenten, um nur ein paar aufzuzählen, in sich vereint. Das haben sich weder die ASVG-Versicherten noch die Gebietskrankenkasse ausgesucht. Die haben die schlechteste Lobby. So sitzt der ASVG-Versicherte beim Arzt und ist bei einer Erstordination 3,99 Euro wert, fünf Mal weniger als der Eisenbahner, Beamte oder Lehrer, alle die, die in kleine Kassen einzahlen, sich das auch nicht ausgesucht haben und Selbstbehalt zahlen müssen.
Diese Zeilen dienen gar nicht dazu, die Berufsgruppen gegeneinander auszuspielen, sondern das österreichische Gesundheitssystem zu hinterfragen. Um diesen Anachronismus verwalten zu können, braucht es in Österreich 27 Sozialversicherungsträger. Sie werden doch nicht annehmen, dass der Versicherte dieselben Leistungen im Burgenland oder Vorarlberg bekommt wie in Tirol. Das wäre dann nicht Österreich. Den Leistungskatalog gibt es natürlich mal neun. So schlimm der Ärztemangel und das Ärzteleiden auch sind, aus der Sicht der Patienten ist das alles auch nicht gerade lustig. Eigentlich zahlen wir Steuern, um die Früchte eines guten Gesundheitssystems zu ernten und nicht um in die Zweiklassenmedizin zu investieren.

Rückfragen & Kontakt:

Tiroler Tageszeitung
0512 5354 5101
chefredaktion@tt.com

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PTT0001