Tiroler Tageszeitung, Ausgabe vom 5. August 2015; Leitartikel von Christian Jentsch: "Spiele, Empörung und die Rolle rückwärts"

Innsbruck (OTS) - Olympische Spiele sind nicht nur ein sportliches Großereignis, sondern auch ein politisches Statement. Die Inszenierung der Macht verschlang bereits vielerorts Unsummen. Nun soll alles besser werden - nur deutet wenig darauf hin.

In einem Jahr werden in Rio de Janeiro die Olympischen Sommerspiele 2016 eröffnet. In einem Land großer wirtschaftlicher Potenziale, aber auch gigantischer sozialer Ungleichheiten und Spannungen. Zwei Jahre nach der Fußball-Weltmeisterschaft stemmt das lange Zeit als kommender Gigant gefeierte, aber längst in eine gefährliche wirtschaftliche Schieflage geratene Brasilien das nächste Großereignis. Ob sich Brasilien das alles auch wirklich leisten kann, steht in den Sternen. Und auch die von Menschenrechtsorganisationen angeprangerte Polizeigewalt in den Armenvierteln Rio de Janeiros sorgt im Vorfeld der Spiele für Irritationen.
Für mehr Kopfschütteln sorgte vergangene Woche freilich die Vergabe der Olympischen Winterspiele 2022 an die chinesische Hauptstadt Peking, die 2008 bereits die Sommerspiele ausgerichtet hat. Peking setzte sich gegen den einzigen Konkurrenten Almaty aus Kasachstan durch, die europäischen Kandidaten wie München oder Oslo zogen ihre Bewerbungen bereits im Vorfeld wieder zurück: zu teuer, zu viel Widerstand in der Bevölkerung.
2022 ist also in Sachen Olympische Winterspiele wieder Peking an der Reihe - ohne Schnee (jener vom Himmel), Tradition und nahe Berge, dafür aber mit bis zu 300 Millionen potenziellen künftigen Wintersportlern. Neue Märkte sollen erschlossen werden. Und es werden teure Spiele: Neue Ressorts, Autobahnen und Zugstrecken müssen aus dem Boden gestampft werden. Und das nachdem die Winterspiele 2014 im russischen Sotschi bereits Unsummen verschlungen haben. Ein bitterer Beigeschmack für die vom Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), Thomas Bach, auf Schiene gebrachte Agenda 2020, mit der künftig mehr auf Nachhaltigkeit und Transparenz gesetzt werden soll.
Und dann gibt es die vielen so ungelegen kommende Frage der Menschenrechte, bei der die Empörung je nach politischer Gemengelage nach oben geschraubt oder ganz einfach unter den Teppich gekehrt wird. Putins Spiele in Sotschi standen unter keinem guten Stern. Westliche Regierungschefs und Staatsoberhäupter glänzten durch Abwesenheit, um - zwar nicht immer offiziell ausgesprochen - gegen Menschenrechtsverletzungen zu protestieren.
Auch in China ist es um die Menschenrechte nicht gerade gut bestellt. Daran änderten auch die Sommerspiele von 2008 wenig. Doch mit China - dem zuletzt kränkelnden neuen Giganten der Weltwirtschaft - will man es sich nicht verscherzen. Eben alles eine Frage des politischen Machtgefüges.

Rückfragen & Kontakt:

Tiroler Tageszeitung
0512 5354 5101
chefredaktion@tt.com

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PTT0001