TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" Montag, 3. August 2015, von Christian Jentsch: "Falsches Spiel im Kampf gegen den IS"

Innsbruck (OTS) - Bisher konnten am Boden nur die Kurden der Terrormiliz "Islamischer Staat" erfolgreich die Stirn bieten. Nun werden sie selbst zu Zielen im sogenannten Anti-Terror-Kampf. Eine zynische Kriegs-Logik zerstört jegliche Hoffnung.

Die Jihadisten der Terrormiliz "Islamischer Staat" sind weiter auf dem Vormarsch. Weite Teile Syriens und des Irak sind in den Händen der selbsternannten sunnitischen Gotteskrieger, die allen Andersgläubigen den Krieg erklärt haben. Und: Das Kalifat der Islamisten wird die Welt wohl auch noch in den nächsten Jahren in Angst und Schrecken versetzen. Auch deswegen, weil die Koalition gegen den "Islamischen Staat" eine äußerst brüchige ist. Die Lust, gegen die radikalen Islamisten vorzugehen, hält sich in engen Grenzen, obwohl die schwarzen Fahnen des Kalifats die Zukunft des gesamten Nahen Ostens verdunkeln - wohl auf Jahrzehnte. Doch im Kampf um Macht und Einfluss in der Region haben machthungrige Politiker offenbar andere Prioritäten.
So hat die Türkei nach dem Selbstmordanschlag im Grenzort Suruc dem IS zwar öffentlichkeitswirksam den Krieg erklärt, doch die türkische Luftwaffe hat in der Folge weniger die Jihadisten als vielmehr die Stellungen der verbotenen Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) ins Visier genommen. Auch die kurdischen Volksschutzeinheiten im Norden Syriens (YPG) - politisch eng mit der PKK verknüpft - sind Ankara ein Dorn im Auge. In den Wirren des syrischen Bürgerkrieges haben sie an der Grenze zur Türkei in drei Kantonen eine Selbstverwaltung errichtet - was in Ankara argwöhnisch als Keimzelle für einen länderübergreifenden Kurdenstaat gesehen wird. Zugleich werden der pro-kurdischen Oppositionspartei HDP in der Türkei die Daumenschrauben angelegt. Schließlich hat die HDP bei den Parlamentswahlen mit ihren Zuwächsen der Regierungspartei AKP die absolute Mehrheit zunichte gemacht. Auf der anderen Seite gibt es wohl auch auf Seiten der PKK Kräfte, die auf eine Radikalisierung setzen.
Das Widersinnige dabei: In Syrien konnten am Boden bisher nur die kurdischen Milizen dem IS Paroli bieten. Mit Unterstützung US-amerikanischer Luftschläge drängten sie die Jihadisten erfolgreich zurück. Nun drohen sie selbst in einen Zwei-Fronten-Krieg zu geraten. Und nicht nur Ankara spielt offensichtlich ein doppeltes Spiel. Auch andere Regionalmächte haben zur Zeit andere Ziele, als den IS effektiv zu bekämpfen. Die Saudis führen im Jemen einen blutigen Stellvertreterkrieg mit dem Iran und im syrischen Bürgerkrieg konnten sich radikale Islamistengruppen im Kampf gegen das Regime von Präsident Assad lange Zeit über üppige Hilfe von außen freuen. Der IS wird unter diesen Vorzeichen noch lange nicht von der Bildfläche verschwinden.

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