TIROLER TAGESZEITUNG, Leitartikel: "Straches Erzählungen", von Michael Sprenger

Ausgabe vom 31. Juli 2015

Innsbruck (OTS) - Die FPÖ beherrscht zwei Erzählungen. Einmal die von der Sauberkeitspartei, die sich als Angreiferin sieht.
Die andere ist die des Opfers, welches von den Mächtigen verfolgt wird. Die Regierung hat leider kein Gegenstück.

Heinz-Christian Strache weiß, was er kann. Und er weiß, was er nicht kann - und nicht braucht. Er kann und braucht keine Lösungsansätze präsentieren und umsetzen für eine immer unübersichtlichere Welt, er braucht und kann keine wirtschaftspolitischen Konzepte erstellen, um den Herausforderungen dieser Zeit begegnen zu können.
Straches Fach ist nicht das Komplexe, er ist ein Meister des Simplen. Wie einst sein großes Vorbild Jörg Haider teilt er die Politik in Schwarz und Weiß ein, in Gut und Böse. Der FPÖ kommt dabei die Rolle des Guten und Sauberen zu. Strache inszeniert die FPÖ als Heimatpartei. Die Regierung hingegen wertet er ab, nennt sie Versagertruppe, die für alles und jedes verantwortlich ist, und sich um vieles kümmert, nur nicht um die eigenen Leute.
In Straches Erzählungen spielt die Angst eine wichtige Rolle. Angst vor dem Unbekannten, Angst vor der Arbeitslosigkeit, Angst vor der Zukunft. Und diese Angst kann er mit dem großen Ausländerthema schüren und anfeuern. Da passt für ihn alles hinein. Von der Europäischen Union bis zur Islamisierung, vom Asyl bis zur Zuwanderung.
Die Erzählungen des FPÖ-Chefs bekommen auch deshalb immer mehr Anhänger, weil viele Bürger einen Hang für einfache Anworten auf komplexe Themen haben. Und weil ihnen wer sagt, dass sie für ihre Situation nicht verantwortlich sind, sondern die anderen. Die EU, die Ausländer oder sonst eben wer. Viele Bürger sind auch deshalb so empfänglich, weil die Regierung seit Jahren auf unsägliche Weise gegeneinander arbeitet. Sie hat zwar ein Regierungsprogramm, aber kein Projekt. Kein Zukunftsprojekt, für das sie gemeinsam kämpft; kein aktuelles Projekt, um die Flüchtlingsnot zu mildern. Auf sich allein gestellt kämpft insbesondere die SPÖ, als politischer Antipode zur FPÖ, nicht einmal gegen ihre Perspektivenlosigkeit und verlorene Glaubwürdigkeit an.
Aus diesem Mangel heraus freut man sich schon, wenn man auf die FPÖ, wie jetzt beim Verdacht der illegalen Parteienfinanzierung, mit dem Finger zeigen kann. Schaut her! Von wegen Sauberpartei. Strache ist das ziemlich egal. Er schlüpft - wie schon mehrmals nach FPÖ-Skandalen - in die Opferrolle und erzählt die Geschichte von den Mächtigen, die versuchen, ihn zu stoppen. Straches simple und verlogene Erzählungen werden geglaubt, weil in Österreich seit Jahren eine leidenschaftslose Politik betrieben wird - und die Regierung keine überzeugende Erzählung hat.

Rückfragen & Kontakt:

Tiroler Tageszeitung
0512 5354 5101
chefredaktion@tt.com

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PTT0001