Wiener Zeitung - Leitartikel von Thomas Seifert: "Auskotzen in 140 Zeichen"

Ausgabe vom 31.7.15

Wien (OTS) - Warum laufen Menschen in sozialen Medien verbal Amok? Ist es digitaler Analphabetismus, eine affektive Störung oder Logorrhoe, schön portioniert auf 140 Zeichen? Immer mehr Social-Media-Usern brennen - nicht nur beim Thema Asyl und Flüchtlinge - alle Sicherungen durch. Etwa dem Porsche-Lehrling Jürgen H., der ein Foto des sechsjährigen Flüchtlingsmädchens Dunja, das an einem der heißen Sommertage mit einer Wasserdusche der Freiwilligen Feuerwehr abgekühlt wurde, mit den Worten kommentierte:
"Flammenwerfer wären da die bessere Lösung." Jürgen H. hat daraufhin seinen Lehrplatz verloren.

So manchen Facebook- oder Twitter-Nutzern ist offenbar nicht ganz klar, dass sie wegen bösartiger Postings bis zu zwei Jahre hinter Gitter wandern können, wenn ein Gericht den Tatbestand der Verhetzung (§ 283 StGB) erfüllt sieht. Verhetzung ist etwa, wenn jemand zur Gewalt gegen eine Gruppe einer bestimmten Religion oder Hautfarbe aufruft. Wenn jemand sich zudem in einem "nationalsozialistischen Sinn" betätigt, kann das Strafausmaß auf 10 Jahre hinaufschnellen, in besonders schwerwiegenden Fällen sogar auf 20 Jahre. Das wiederum ist in §3 des Verbotsgesetzes geregelt.

Und vielen Facebook- und Twitter-Usern ist ebenso wenig klar, dass ihre Meinungsäußerungen im vermeintlichen Freundeskreis nach dem Gesetz öffentlich sind. Und es scheint etlichen ebenso wenig klar zu sein, dass sie mit aggressivem Geschreibsel oder Postings deutlich unter der Gürtellinie das Ansehen ihres Arbeitgebers schädigen und es daher völlig legitim ist, wenn ein Arbeitgeber entscheidet, sich von einem verbal-radikalen Mitarbeiter zu trennen, weil solche Personen weder Kunden noch Kollegen zumutbar sind.

Die Welle der Hass-Postings ist zutiefst verstörend. Noch verstörender ist, dass kaum etwas unternommen wird, um diese Welle zu brechen. Warum wird es von Familie, Schule, Medien und Freundeskreis verabsäumt, Mitmenschen die grundlegenden Benimmregeln in sozialen Medien beizubringen?

Tatsache ist freilich auch, dass Boulevardzeitungsjournalisten mit ausgeprägtem Hang zur publizistischen Pyromanie und stillose, verbal-radikale Politrabauken am Verfall der sprachlichen Sitten und an der Vergiftung des Diskurs-Klimas massiv mitverantwortlich sind.

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