TIROLER TAGESZEITUNG, Ausgabe vom 22.07.2015, Leitartikel von Peter Nindler: "Auch die Kirche steht in der Pflicht"

Innsbruck (OTS) - Katholische Kirche und Caritas haben in der Asylfrage eine besondere Verantwortung. Sosehr sie mit Recht eine menschenwürdige Flüchtlingspolitik einmahnen und zu Recht das Aufstellen von Zelten als denkbar schlechteste Lösung für die Unterbringung von Asylwerbern kritisieren (Caritas-Präsident Michael Landau) - ihre eigene Erwartungshaltung und ihr Engagement liegen vielfach hinter den Realitäten zurück.
Vor knapp einem Jahr haben Innsbrucks Diözesanbischof Manfred Scheuer und Caritas-Direktor Georg Schärmer in einem Brief an Pfarren und Ordensgemeinschaften um eine "beherzte Prüfung" gebeten, ob in ihrem Bereich Wohneinheiten für Flüchtlinge geschaffen werden könnten. Im Frühjahr hat der Bischof dann selbstkritisch gemeint, wenn er sich das Ergebnis zahlenmäßig anschaue, könnten es mehr Quartiere sein. 320 Plätze sind es bislang. Jede einzelne Unterkunft ist wichtig, weil sie schlichtweg benötigt wird. Doch insgesamt sind die Quartiere in den Pfarrhäusern überschaubar. Hier hätte man sich einen noch größeren Akt der Solidarität erwarten dürfen, ein Über-den-Schatten-Springen und ein beherztes Bewältigen von bürokratischen und baulichen Hindernissen.
Aber nicht nur der Klerus ist gefordert, sondern auch die Pfarrgemeinderäte, die vielfach eine gemeinsame Kraftanstrengung vermissen lassen. Schon längst hätte der bischöfliche Aufruf in eine breit angelegte Initiative münden müssen.
Die Situation in der Nachbardiözese Salzburg im Tiroler Unterland steht deshalb stellvertretend für die unbefriedigende Quartiersuche. In keinem einzigen Pfarrhof im Bezirk Kitzbühel werden derzeit Flüchtlinge untergebracht, obwohl die Bürgermeister durchaus Möglichkeiten sehen. Und wenn die Kirche schon Eigenbedarf anmeldet, diesen aber seit Monaten nicht realisiert bzw. nützt, dann stellt sich schon die Frage, wie das mit dem herrschenden Asylnotstand zu vereinbaren ist. Vielmehr erklärt die Kirche selbst, wie Letzterer generell möglich ist.
Die Glaubwürdigkeit der Kirche eröffnet sich nicht nur in Worten, sondern vor allem in Taten. Hier hat sie zweifellos humanitären Nachholbedarf. Warum? Weil es angesichts der nicht enden wollenden Flüchtlingsströme Motoren in der Gesellschaft benötigt, die Asylquartiere bereitstellen und gleichzeitig Bewusstsein schaffen. Die Kirche ist trotz vieler Sinnkrisen nach wie vor eine wichtige Instanz. Dieser Aufgabe müsste sie in der Flüchtlingsfrage noch stärker als bisher nachkommen.

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