TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" vom 15. Juli 2015 von Floo Weißmann "Die Stunde der Diplomaten"

Innsbruck (OTS) - Das Wiener Atomabkommen eröffnet dem Iran und der Welt neue Chancen.
Ob diese Chancen auch genützt werden, entscheidet sich erst in den kommenden Jahren.

Es passiert nicht alle Tage, dass ein einzelnes Ereignis die weltpolitische Bühne auf Jahre hinaus neu gestaltet. Schon allein deshalb muss das Atomabkommen zwischen den Weltmächten und dem Iran als historisch gelten.
Vordergründig soll der Deal auf friedlichem Weg sicherstellen, dass der Iran in naher Zukunft keine Atomwaffe baut. Doch dahinter steht noch viel mehr - eine Fülle an Chancen, aber auch Risiken.
Der Iran kann politisch und wirtschaftlich in die Weltgemeinschaft zurückkehren und zu einem neuen Partner des Westens heranwachsen. Es geht um die Stabilisierung und Neuordnung des Nahen Ostens, um Energiesicherheit für Europa und um Geschäfte auch für österreichische Firmen. Im Iran selbst kann der Deal die so genannten Reformer stärken, sofern Öffnung und Aufschwung rechtzeitig vor der nächsten Parlamentswahl einsetzen.
In den USA schickt sich Präsident Barack Obama an, nach Kuba jetzt auch die zweite, über Jahrzehnte tradierte Erzfeindschaft zu beenden. Im Wahlkampf war er einst für sein Dialogangebot an den Iran als naiv und gefährlich gegeißelt worden. Jetzt, da ihn viele schon als lahme Ente abgeschrieben hatten, feiert er den Triumph von Diplomatie, Kooperation und Sachlichkeit. Der Atom-Deal mit dem Iran kann als sein größter außenpolitischer Erfolg in die Geschichte eingehen. Zugleich kann das Abkommen weltweit als Beispiel und Motivationsschub dienen. Die Krisen, Kriege und gescheiterten Gipfel der vergangenen Jahre haben den Glauben an die Lösungskompetenz von Politik und Diplomatie erschüttert. In den Atomverhandlungen hingegen haben sich die Weltmächte und der Iran zusammengerauft, bis ein Ergebnis auf dem Tisch lag, das offenbar alle Beteiligten zufriedenstellt. Das lässt auch für andere internationale Herausforderungen hoffen.
Allerdings sind all diese Entwicklungen noch keineswegs garantiert. Vieles kann schiefgehen. Was etwa, wenn der US-Kongress es wider Erwarten doch schafft, den Atom-Deal zu blockieren? Was, wenn Israel militärisch dazwischenfunkt? Was, wenn der Iran mithilfe der neu gewonnenen Ressourcen erst recht zu jener Bedrohung mutiert, die eingedämmt werden sollte?
Selbst im günstigsten Fall braucht es noch etliche Jahre harter Arbeit und guten Willens von allen Seiten - Rückschläge inbegriffen -, um das Abkommen erfolgreich umzusetzen. Aber der besonders schwierige erste Schritt ist gemacht. Und er bedingt schon jetzt eine neue Dynamik auf der Weltbühne.

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