Nationalrat gibt neuer PädagogInnenausbildung technische Starthilfe

Außerdem: Bezeichnungsänderung bei Sonderschulen löst Debatte über Inklusives Schulwesen aus

Wien (PK) - Dieses Wintersemester kommen Lehramtsstudierende erstmals mit der neuen PädagogInnenausbildung in Berührung. Den Anfang machen 2015/2016 angehende Volksschul- und SonderschullehrerInnen (Primarstufe), ein Jahr später folgen die StudentInnen, die einen Lehrberuf an einer höheren Schule (Sekundarstufen) anstreben. In der Verbundregion Südost (Steiermark, Kärnten, Burgenland) beginne heuer neben den Lehrgängen für die Primarstufe sogar schon die Ausbildung Studierender der Sekundarstufe I, zeigte sich Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek zuversichtlich, das Reformprojekt sei auf gutem Weg. Um verwaltungstechnisch das Zusammenspiel von Pädagogischen Hochschulen (PH) und Universitäten in der reformierten Ausbildung zu erleichtern, verabschiedete der Nationalrat heute mehrheitlich eine Regierungsvorlage zum besseren Datenaustausch zwischen den Institutionen. Allerdings sehen alle Fraktionen noch weitergehenden Handlungebedarf zum Gelingen der PädagogInnenausbildung NEU: Nach der höchst emotionell geführten Debatte zur Griechenland-Krise (siehe Parlamentskorrespondenz Nr. 812) trugen die Abgeordneten somit Kontroversen über das heimische Bildungswesen aus.

Ausgangspunkt des parlamentarischen Disputs war indes der zweite Schwerpunkt der Sammelnovelle: die Streichung des Worts "schwerstbehindert" aus dem Schulrecht. Bei Sonderschulen soll damit künftig die ergänzende Wendung "für Kinder mit erhöhtem Förderbedarf" aufscheinen. Die Integrative Schule sei am besten Weg, wiesen MandatarInnen der SPÖ Vorhaltungen der Opposition zurück, die Regierung beschäftige sich zu sehr mit dem formalen Erscheinungsbild der Schulen, anstatt sie wirklich zu reformieren. Die Umbenennung bilde nur eine aussagekräftige Basis dafür. Von der ÖVP gab es ebenfalls Beifall für die semantische Anti-Diskriminierungsinitiative in Schulgesetzen, da besonders Eltern betroffener SchülerInnen den alten Ausdruck als stark diskriminierend empfunden hätten, wie eine Abgeordnete der Volkspartei vorbrachte. Die Grünen versuchten dennoch, mit einem eigenen Antrag die Abschaffung der Sonderschulen im Sinne eines "Inklusiven Schulsystems" zu erwirken, blieben mit ihrem Vorstoß aber in der Minderheit.

Trotz der lebhaften Diskussion erhielt der Gesetzesvorschlag schließlich breite Zustimmung im Nationalrat; einzig das Team Stronach lehnte ihn ab. Ein Antrag dieser Oppositionspartei gegen Gendern in Schulbüchern blieb ebenso in der Minderheit.

Bessere Zusammenarbeit von Unis und PH erhofft

Die 2013 reformierte PädagogInnenausbildung sieht vor, dass Universitäten und Pädagogische Hochschulen (PH) in der LehrerInnenausbildung enger zusammenarbeiten und ihre Studienpläne einander angleichen sowie gleichwertige Aufnahmeverfahren einführen. Für jedes Lehramt ist ein akademischer Abschluss vorgesehen. Wissenschaftlichkeit und Schulpraxis sollen dadurch in der Ausbildung aller Lehrkräfte unabhängig vom Schultyp besser verbunden werden. Die Implementierung eines Datenverbunds von Universitäten und Pädagogischen Hochschulen unterstütze die ordnungsgemäße Informationsweitergabe zu Matrikelnummern, Inskriptionen und Studienbeiträgen, lobte Marianne Gusenbauer-Jäger (S) das neue Verbundsystem, dessen Finanzierung unter den beteiligten Bildungseinrichtungen aufgeteilt werde. Karlheinz Töchterle (V), der bei der Verabschiedung der neuen PädagogInnenausbildung als Wissenschaftsminister fungierte, nannte das Projekt nun, zwei Jahre später, eine "Erfolgsgeschichte", die wiederum als solche noch im Bewusstsein der Bevölkerung verankert werden müsse. Das Ziel, theoretisch wie praktisch möglichst kompetente Lehrkräfte auszubilden, ist Töchterle zufolge schon in greifbarer Nähe, das zeige beispielsweise die erfolgreiche Vorbereitung in der Verbundregion Südost.

Regelungen wie jene zur Einrichtung des Datenverbunds von Universitäten und Pädagogischen Hochschulen seien jedoch angesichts des immer komplexer gestalteten Studienbetriebs, in dem Studien nach verschiedensten Modulen und Prüfungen unterteilt sind, absolut notwendig, betonte der ÖVP-Wissenschaftssprecher. Der Gesetzgeber trage mit der Novelle diesem Umstand Rechnung. Als unverzichtbare Kompetenz im 21. Jahrhundert führte Eva-Maria Himmelbauer (V) das Verständnis der Digitalisierung an, für die es daher auch in der neuen LehrerInnenausbildung Basismodule geben solle. Zwar passiere an den Schulen bereits viel, um digitale Kompetenzen zu vermitteln, doch bestehe noch die Notwendigkeit, die Bedeutung dieser wirtschaftlich und gesellschaftlich höchst relevanten Fähigkeiten in Bildungseinrichtungen stärker hervorzuheben.

Qualitätsvolle Bildung braucht Personal und Geld

Ungeachtet der technischen Verbesserungen bestünden bei der neuen PädagogInnenausbildung noch viele Problemfelder, mahnte ÖVP-Bildungssprecherin Brigitte Jank (V) die Erfüllung der Empfehlungen des Qualitätssicherheitsrats (QSR) ein. Gemeinsam mit der 2013 beschlossenen Reform der PädagogInnenausbildung wurde der Qualitätssicherungsrat aus BildungsexpertInnen eingerichtet, um eine theoretisch als auch praktisch hochwertige Ausgestaltung der neuen Lehramtsausbildung - die für alle Fächer und Schulformen von Universitäten und Pädagogischen Hoschulen gemeinsam angeboten werden - zu gewährleisten. Jank beanstandete vor allem, laut QSR-Bericht gebe es zu wenig ausreichend qualifiziertes Personal, sowohl im Bereich Fachdidaktik an den Universitäten, als auch für die Forschung an PH. Generell müssten den Pädagogischen Hoschulen mehr Selbstbestimmungsrechte übertragen werden, um ihnen mehr Verantwortung zu übertragen. Autonomie spielt Jank zufolge auch für die Bildungsreformkommission aus Bund- und LändervertreterInnen eine große Rolle; sie sei sicher, dass diese Kommission, in der "zügig gearbeitet" werde, bis zum 17. November dieses Jahres wie angekündigt Ergebnisse in organisatorischer, personeller und finanzieller Hinsicht präsentieren könne.

"Nichts ist teurer, als nicht in Bildung zu investieren", zweifelte hingegen Julian Schmid (G) am politischen Willen, ausreichend Finanzmittel für die Schulen zur Verfügung zu stellen. So fehlten heuer immer noch 300 Mio. € im Bildungsbudget. Gleichzeitig würden jedes Jahr 120 Mio. € für Privatnachhilfe ausgegeben, jährlich verließen 10.000 Jugendliche die Schule ohne Aussicht auf weiterführende Ausbildung oder Arbeit, wohingegen pro Jahr 2500 Lehrstellen weniger angeboten würden, bezifferte der Grünen-Jugendsprecher sein Anliegen: "Wir brauchen eine Bildungsrevolution!", sodass mehr soziale Durchmischung in den Klassen stattfindet. Klarheit über die finanzielle Lage des Bildungswesens vermisst auch NEOS-Klubobmann Matthias Strolz, weswegen er an die Bildungsministerin appellierte, die Oppositionsparteien auf den Reformweg bis zum 17. November "mitzunehmen", um einen "breiten nationalen Dialog" über die Zukunft des Bildungswesens sicherzustellen. Als Bildungssprecher der NEOS sprach er sich klar für mehr Chancengerechtigkeit im Schulsystem aus, sodass man nicht mehr sagen müsse "wir versenken ihre Talente", wenn von Migrantenkindern der zweiten Generation die Rede ist. Seien diese doch essentiell zum Erhalt des sozialen Gefüges im Land.

Heinisch-Hosek will Integration an Schulen sorgsam weiterentwickeln

Die Umbenennung der Sonderschulen sei nur ein "erster Schritt" für mehr Inklusion an Schulen, weitere würden folgen, versicherte Bildungsministerin Heinisch-Hosek dem Plenum. Zum "sukzessiven Abbau von Sondereinrichtungen" für SchülerInnen mit Behinderung starte man ab Herbst in den drei Bundesländern Steiermark, Tirol und Kärnten Modellregionen für die Inklusive Schule. Heinisch-Hosek: "Alle Kinder sollen sich mit ihren Eigenarten in einem Schulsystem wiederfinden, in dem sie sich wohlfühlen". Essentiell dafür sei, bei der Inklusion allen Arten von Beeinträchtigungen ausreichend Augenmerk zu schenken.

Zum anvisierten Datenverbund für die Lehramtsausbildung an Universitäten und Pädagogischen Hochschulen bemerkte die Ministerin, die gesetzliche Grundlage dafür zu schaffen sei wichtig, um "alle eventuellen Kinderkrankheiten" bei der Zusammenarbeit der Bildungsinstitutionen frühzeitig abzuwenden - eben auch mit Blick auf die Verwaltungsabläufe. Eingangs nutzte sie die Gelegenheit für eine Richtigstellung gegenüber der Vorhaltung des Abgeordneten Walter Rosenkranz (F), das Bildungsressort gebe überhöhte Beträge für Beratungsleistungen aus. Die genannte Summe, 1 Mio. €, stamme aus einer Zeit, als sie noch nicht Ressortleiterin war, so Heinisch-Hosek. Unter ihrer Verantwortung habe das Bildungsministerium im Vorjahr nur rund 200.000 € an Beratungshonoraren gezahlt.

Abgesehen von seinem Missfallen am Finanzmanagement des Bildungsressorts sparte der FPÖ-Bildungssprecher auch nicht an Kritik über aktuelle Neuerungen in der Bildungspolitik. Konkret stieß er sich an der Neuen Mittelschule - "zerpflückt vom Rechnungshof" -, an der "Verunsicherung" bei SchülerInnen, LehrerInnen und Eltern aufgrund der Zentralmatura und an der neuen LehrerInnenbildung, bei der der QSR auf zahlreiche Mängel hingewiesen habe. Die Umbenennung der Sonderschulen tat er als reinen "Schilderwechsel" ab, wiewohl er ihr zugestand, durchaus "deklarative Wirkung" im Sinne der Anti-Diskriminierung zu besitzen.

Abgeordneten nehmen Schulreformen unter die Lupe

Wie von Rosenkranz angedeutet, begrüßten im Plenum weitgehend alle Fraktionen die schulrechtliche Verankerung der Wendung "mit erhöhtem Förderbedarf" anstatt "schwerstberhindert" als erste Anti-Diskriminierungsinitiative, wenn sie auch nur einen ersten Schritt darstellen könne, wie die Ministerin vielfach bestätigt wurde. Sie freue sich zwar über die auf den Weg gebrachte Beschreibungsänderung für Sonderschulen, meinte etwa Gusenbauer-Jäger (S). Bildungspolitisches Ziel sei jedoch, möglichst viele SchülerInnen mit Behinderung am "normalen" Unterricht teilnehmen zu lassen, wiewohl auf Kinder mit besonders hohem Förderbedarf gerade hinsichtlich Ressourcenausstattung Bedacht genommen werden müsse. Sie würdigte zudem die novellierte Regelung, wonach für Kinder, die eine allgemeine Schule integrativ besuchen, ein Jahres- und Abschlusszeugnis am Ende der 8. Schulstufe vorgesehen ist, und die mit der Novelle erfolgte Aktualisierung der Namen von Fremdenverkehrsschulen in die Bezeichnung "Tourismusschulen".

Das Schulwesen brauche im Sinne der Inklusion eine völlige Strukturänderung um der UN-Behindertenrechtskonvention tatsächlich zu entsprechen - die Umbenennung von Sonderschulen sei nur als "Mini-Schritt" im Reformprozess zu sehen, hielt Helene Jarmer (G) demgegenüber fest. In einem gemeinsam mit Grünen-Bildungssprecher Harald Walser verfassten Antrag präzisierte sie, welche Maßnahmen für ein echtes Inklusives Schulsystem ihrem Dafürhalten nach nötig sind:
Maßgeblich sei vor allem eine adäquate Infrastruktur der Schulen, daher müssten die bestehenden Zentren für Inklusiv- und Sonderpädagogik zur Beratung aller SchulpartnerInnen und zur Ressourcenverwaltung für die Schulstandorte ausgebaut werden. Außerdem solle die Sonderschule als "Sonderanstalt für SchülerInnen mit Behinderung" im Rahmen dieser Strukturreform abgeschafft werden. Bis 2020, wenn die nächste Prüfung zur Umsetzung der UN-Bestimmungen über Rechte von Menschen mit Behinderung anstehe, benötige Österreich ein Umfeld, in dem "gemeinsames Leben, gemeinsames Lernen, gemeinsames Lehren" Realität sind, plädierte die Grünen-Behindertensprecherin, die trotz der aktuellen Novelle weiterhin "Segregation" an Schulen ortet.

Nicht gelten lassen wollte hingegen Elmar Mayer (S) den Vorwurf, die Regierung verweigere Reformen im Bildungsbereich. Intensiv werde die Frühförderung von Kindern verbessert, da die Elementarpädagogik eine entscheidende Phase der Bildungsentwicklung Heranwachsender begleite; mit den Bildungsstandards sowie der standardisierten Reifeprüfung orientiere sich die Bildung klar nach der Kompetenzvermittlung im Unterricht und die neue PädagogInnenausbildung werde fraglos zu "deutlichen Verbesserungen" im Schulalltag führen, auch wenn die vollständige Entwicklung der reformierten Lehramtsstudien Zeit benötige, wie der SPÖ-Abgeordnete einräumte. In Richtung des Koalitionspartners ÖVP bezog Mayer erneut Position für die gemeinsame Schule der 10- bis 14-Jährigen, Bundesministerin Heinisch-Hosek ersuchte er, für LehramtsabsolventInnen sämtliche Hürden für den Übertritt ins neue LehrerInnendienstrecht auszuräumen. Unzeitgemäß und diskriminierend wertete Franz-Joseph Huainigg (V) den Ausdruck "schwerstbehindert" und stellte sich daher voll hinter die Novellierung des Begriffs, wiewohl er gleichzeitig einen "Paradigmenwechsel" in Bezug auf inklusive Schule einforderte. Die künftigen Modellregionen für die Inklusive Schule in Tirol, der Steiermark und Kärnten bildeten gerade aufgrund ihrer unterschiedlichen Ansätze - von Elternberatung bis zur kompletten Abschaffung der Sonderschule - eine gute Grundlage, um eine gemeinsame Richtung zur Implementierung zu finden. Weiters unterstrich Huainigg, Grundkenntnisse der Inklusions- und Sonderpädagogik seien jedenfalls in der neuen PädagogInnenausbildung zu erwerben, genauso machte er sich für behinderte Studierende an den Hochschulen stark.

Der Sprache als Bildungsgrundlage widmete Robert Lugar (T) seine Wortmeldung, in der er anhand eines eigens eingebrachten Entschließungsantrags gegen gegenderte Schreibweisen in Schulbüchern auftrat. Die freiwillige Wahl zweigeschlechtlicher Schreibweisen, etwa das Binnen-I, sei nicht grundsätzlich abzulehnen. Ungehörig sei es aber, durch Gender-Vorgaben für Unterrichtsmaterialen SchülerInnen eine Denkweise aufzwingen zu wollen, die weder in Medien noch in der Literatur ihren schriftlichen Niederschlag finde. Derzeit betreibe die Ministerin an Schulen "politische Indoktrinierung", erboste sich der Bildungssprecher des Team Stronach, durch die sinnerfassendes Lesen erschwert werde, ohne etwa zur Besserstellung von Frauen beizutragen. Ins gleiche Horn stieß Ex-FPÖ-Abgeordneter Gerhard Schmid, nunmehr fraktionslos: ministerielle Gendervorgaben an Schulen seien "lediglich parteipolitisch motiviert", ohne Änderungen im Schulwesen herbeizuführen; beispielsweise hinsichtlich der Sicherstellung, dass die Unterrichtssprache Deutsch von allen SchülerInnen hinlänglich beherrscht wird. Eine Deutschverpflichtung an Schulen auch in den Pausen sei daher "unerlässlich". (Fortsetzung Nationalrat)rei

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