TIROLER TAGESZEITUNG, Leitartikel: "Zapfenstreich für die Menschlichkeit", von Peter Nindler

Ausgabe vom 9. Juli 2015

Innsbruck (OTS) - Die Unterbringung von Flüchtlingen in der Vomper Kaserne ist nicht die beste Lösung, aber eine beispielgebende Entscheidung für die Bewältigung der Flüchtlingssituation. Die Herausforderung bleibt, aber Tirol hat den Weg zum Ziel gemacht.

Die Flüchtlingsfrage ist von zwei Realitäten geprägt: Land, Bund und Gemeinden sind täglich gefordert, Quartiere für 28.000 Flüchtlinge zu schaffen, die im ersten Halbjahr um Asyl angesucht haben. Die Unterbringungsquote von gestern ist heute bereits überholt. Die Zustände im Erstaufnahmezentrum Traiskirchen sind nicht nur ein Auftrag zum Handeln, sondern ein humanitärer Hilfeschrei. Die Öffnung der Kaserne in Vomp für 100 Asylwerber wird somit zu einer vorbildhaften Orientierungshilfe.
Doch es gibt noch eine andere Wirklichkeit. Wirft ein freiheitlicher Volksvertreter dem Vomper Bürgermeister Schubert wegen der 100 Plätze in der Kaserne einen Kniefall vor der grünen Soziallandesrätin Baur vor und bezeichnet die Volkspartei als führungsschwachen und unkoordinierten "Haufen", so ist man nur noch sprachlos. Am Altar des Populismus wird die Menschlichkeit mit Füßen getreten. Trotzdem dürfte es auch Applaus geben, weil Ängste und Unsicherheiten vor dem Fremden mit der Anzahl von Flüchtlingen zunehmen. Umso mehr sind Politik und Zivilgesellschaft gefordert, politischen Scharfmachern den Boden für ihre Hetze zu entziehen.
Wer Berührungsängste vor Asylwerbern hat, ist noch kein Ausländerfeind. Doch er wird letztlich in die Arme der selbst ernannten Heimatschützer getrieben, wenn die Politik seine Sorgen nicht ernst nimmt und in der Flüchtlingsfrage versagt. In Vomp hat die Landesregierung bewiesen, dass vor allem der Weg das Ziel ist. Mit einer klaren Vereinbarung, der Maximalbelegung von 100 statt der möglichen 600 Asylwerber und der Zusicherung einer integrativen Betreuung konnte die anfängliche Skepsis überwunden werden. Tirol, das über Jahre Schlusslicht bei den Unterbringungsquoten war, hat sich Schritt für Schritt nach vorne gearbeitet. Und es nimmt als erstes Bundesland das Angebot des Bundes an, Flüchtlinge in einer Kaserne unterzubringen.
Vielleicht löst gerade Vomp eine positive Sogwirkung aus und wirkt beispielgebend auf andere Bürgermeister. Denn die Herausforderung bleibt. Eine Verteilung von Flüchtlingen auf viele Gemeinden wäre wünschenswert. Eine Kaserne ist besser als ein Zelt, aber nicht die beste Lösung. Dass Tirol wie schon Oberösterreich und Salzburg die Bauvorschriften für Asylquartiere lockern möchte, unterstreicht ebenfalls den Willen, auf allen Ebenen zu handeln.
Mit 70.000 Asylanträgen wird heuer gerechnet. Deshalb gibt es keine Lösung, sondern die Flüchtlingsströme müssen täglich bewältigt werden.

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