TIROLER TAGESZEITUNG, Leitartikel: "Europa muss auch „Oxi“ sagen", von Nina Werlberger

Ausgabe vom 7. Juli 2015

Innsbruck (OTS) - Die Europäer haben sich durch Alexis Tsipras’ Erpressungstaktik ins Eck manövrieren lassen. Eine Lösung der Hellas-Krise ist nur dann möglich, wenn die Euro-Retter endlich auch mutig Nein sagen zu Scheinverhandlungen mit Athen.

Das "Oxi" der Griechen zum Sparen ist ein lautes Nein, aber eines ist es sicher nicht: ein Auftrag an Europa, das aussichtslose Feilschen mit Athen unverändert wieder aufzunehmen. Wenn Premier Alexis Tsipras heute den Europäern seine angeblich neuen Reformvorschläge vorlegt, sollten sich die Geldgeber ein ruhiges Plätzchen suchen und tief in sich gehen. Die interessante Frage ist: Was will Europa eigentlich von diesen Griechen? Die vielen Milliarden zurück? Illusorisch. Das politische Projekt Euro - koste es was es wolle - davor bewahren, dass ein Land ausscheidet? Womöglich. Griechenland wegen seiner geopolitischen Lage nicht nach Russland driften lassen? Bestimmt, ja. Die Retter haben in den Jahren des griechischen Desasters ihre Ziele aus den Augen veloren, bildgewaltig begleitet von verarmenden Senioren und arbeitslosen Jugendlichen. Damit waren sie bei den Verhandlungen klar im Nachteil: Denn was Tsipras will, das ist zwar dreist, aber eindeutig: das Geld soll weiter fließen, aber ohne Gegenleistung.
Bevor also daran zu denken ist, mit diesem Mann über ein neues Hilfsprogramm zu verhandeln, müssen die EU-Spitzen einmal anerkennen, dass Athen sie gelegt hat. Tsipras und sein gestern abgetretener Finanzminister Gianis Varoufakis verfolgten bei den unzähligen Krisentreffen in den vergangenen Monaten ein großes Ziel:
Verzögerung. Manch beteiligter Spitzenpolitiker ist überzeugt, dass es bei den Verhandlungen nur darum ging, sie in die Länge zu ziehen. Dadurch hat sich der Einsatz der Geldgeber-Staaten noch einmal massiv erhöht. Die Europäische Zentralbank pumpte immer noch mehr Geld in das sieche griechische Bankensystem, während die Bevölkerung ihr Erspartes in Sicherheit brachte. Tsipras Kniff bestand darin, gebetsmühlenartig darauf zu beharren, dass Griechenland im Euro bleiben werde - während er offenen Auges in die Zahlungsunfähigkeit steuerte. Das war keine Harakiri-Aktion eines politisch unerfahrenen Linksideologen, das war eine wohlkalkulierte Erpressung Europas. Um ihre Positionen medial hochzujazzen, spitzten Tsipras und Varoufakis ihr Vokabular zuletzt immer mehr zu. Nein, Athens Regierung ist keine Runde fehlgeleiteter Demagogen, sie hat die EU mit machtpolitischem Kalkül und medialem Geschick clever in die Ecke gedrängt.
Ja, Europa und Griechenland müssen sich zusammenraufen. Aber Europa muss zuvor heraus aus der Rolle des Erpressten. "Ja" zu Griechenlands Rettung muss "Nein" zu jedem kruden Vorschlag aus Athen bedeuten, der darauf abzielt, weiter Zeit zu schinden und Geld zu verbrennen.

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