OÖNachrichten-Leitartikel: "Die große Ratlosigkeit", von Gerald Mandlbauer

Ausgabe vom 7. Juli 2015

Linz (OTS) - Der vergangene Sonntag könnte jener markante Punkt gewesen sein, an dem für Europa der lange Abschied von Griechenland begonnen hat, für Griechenland selbst eine chaotische Zeit, für seine Bürger eine, in der sie nochmals um Jahre zurückgeworfen werden. Griechenland hat durch das Referendum Tatsachen geschaffen, zugleich ist daraus eine europäische Abstimmung entsprungen. Denn es ist schwer vorstellbar, ein Land in der Währungszone zu halten, dessen Bürger mehrheitlich die Regeln dieser Zone nicht einhalten wollen und die konträre Vorstellungen dazu haben, unter welchen Bedingungen sie Solidarhilfe erhalten sollen. Rest-Europa wäre ein solcher Sonderstatus Athens unvermittelbar.
An diesen Punkt der generellen Ratlosigkeit hat sich die Mehrheit der Griechen selbst gebracht. Von der "Würde", die sie durch ihr Abstimmungsverhalten zu bewahren hofften, wird wenig bleiben, sobald das Land in Streit und Chaos versinkt. Dies ist zu befürchten. Europa bleibt wenig Alternative, als seinen bisherigen Positionen treu zu bleiben. Einem einzelnen Volksentscheid nachzugeben, würde die erpresserischen Forderungen anderer europäischer Wackelregierungen geradezu herausfordern. Freie Bahn für die europäischen Populisten könnte das bedeuten, von Le Pen bis Orban. Das wird nicht passieren.
Die Kluft zwischen Europa und seinem südlichen Sorgenkind ist damit nicht überbrückbar geworden. Europas Eliten werden vielleicht noch einmal die Emotionen unterdrücken. Sie werden runterschlucken und vergessen, dass das Votum von Athen nichts anders ist als der hochgestreckte Zeigefinger in Richtung jener Leute, die die Griechen bisher durchfinanziert haben und denen die griechische Regierung zuvor wissen hat lassen, dass sie Diktatoren oder Terroristen seien. Was hat sich Europa vorzuwerfen? Vielleicht, dass es mit dem Versuch, Zeit zu kaufen, die Politik radikalisiert und Tsipras erst groß gemacht hat. Das mag sein.
Nun ist Griechenland erst recht unberechenbar geworden. Finanzwirtschaftlich wäre die Angelegenheit längst gegessen.
Aber politisch drehen sich die Räder langsamer. So wird der finale Stoß keine schnelle Sache. Deshalb wird weiter mit dem Faktor Zeit hantiert werden in einer Angelegenheit, die längst entschieden ist.

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