Geschichte des Parlamentsgebäudes 1933 bis 1945 wird erforscht

Nationalratspräsidentin Doris Bures stellt Forschungsprojekt vor

Wien (PK) - Die Geschichte des Parlamentsgebäudes zwischen 1933 und 1945 wird im Rahmen eines Forschungsprojekts mit dem Titel "Inbesitznahmen. Das Parlamentsgebäude in den Diktaturen zwischen 1933 und 1945" aufgearbeitet. Damit soll im Auftrag des Parlaments eine wesentliche Lücke der Geschichte des Hohen Hauses geschlossen werden.

Bures: Ehrlich und ohne Scheuklappen an Geschichte herangehen

"Das Gedenkjahr 2015 und die bevorstehende Sanierung des Parlamentsgebäudes sind für mich Anlass, den Blick auf jene Zeit zu lenken, in der Demokratie und Parlamentarismus autoritären und diktatorischen Systemen weichen mussten und das Parlamentsgebäude seiner ursprünglichen Funktion und Nutzung beraubt worden ist", sagte heute Nationalratspräsidentin Doris Bures im Rahmen einer Pressekonferenz, in der sie gemeinsam mit den beiden WissenschafterInnen, Bertrand Perz und Verena Pawlowsky vom Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien, das Projekt vorstellte. "Das Parlament ist zentraler Ort der Demokratie. Im Interesse der Bewusstseinsbildung, dass wir alle für die Festigung des Parlamentarismus verantwortlich sind, halte ich es für unerlässlich, ehrlich und ohne Scheuklappen auch an diese dunkle Geschichte des Parlaments heranzugehen. Wir müssen uns damit auseinandersetzen, was damals in unseren Räumlichkeiten passiert ist", so Bures. "Das wird durch dieses unabhängige, umfangreiche wissenschaftliche Projekt garantiert."

Ziel und Umfang des Forschungsprojekts

Ziel des Forschungsprojekts ist die Erstellung einer wissenschaftlich fundierten Monographie, die mit zahlreichen Fotos, Dokumenten und Plänen versehen ist. Die wissenschaftliche Leitung liegt bei Prof. Bertrand Perz, einem der Experten für die Erforschung der österreichischen Zeitgeschichte. Die Historikerin Verena Pawlowsky hat bereits namhafte Forschungsprojekte zu diesem Zeitabschnitt durchgeführt. Das Ergebnis der Arbeit soll im Frühjahr 2018 vorliegen und veröffentlicht werden.

Eine 2014 beauftragte Pilotstudie über die Machbarkeit des Projekts hat ergeben, dass zur historischen Aufarbeitung dieses Zeitabschnitts mehr als ausreichend Quellen zur Verfügung stehen, es aber kaum Forschungsarbeiten gibt. "Orte haben Geschichte, über Orte kann Geschichte vermittelt werden. Kaum bekannt ist, wie das Parlament als realer und symbolischer Ort der Demokratie in der Phase der Diktatur und Gewaltherrschaft zwischen 1933 und 1945 in Besitz genommen wurde. Zweifellos gehören diese Jahre, in denen der Parlamentarismus beseitigt wurde, zur Geschichte des Hohen Hauses, die erforscht und erzählt werden sollte", unterstrich Forschungsleiter Perz die Bedeutung des Projekts.

Das Forschungsprojekt ist umfassend angelegt und soll sich mit Fragenkomplexen befassen, die bislang unterbelichtete Aspekte der Gebäudegeschichte und vor allem der Gebäudenutzung betreffen. Während des austrofaschistischen Ständestaates, von 1933 bis 1938, wurde es als "Haus der Bundesgesetzgebung" und nach dem "Anschluss" Österreichs an das Deutsche Reich als "Gauhaus" der NSDAP genutzt.

Pawlowsky skizzierte in ihrer Präsentation die Nutzung des Parlamentsgebäudes: "Zwei Diktaturen nutzen das Parlament zwischen 1933 und 1945 für ihre Zwecke. Die Frage, wie sie das tun, ist spannend und lohnend. Als Haus der Bundesgesetzgebung führt das Gebäude ein Schattendasein, als Gauhaus der NSDAP wird es neuerlich Machtzentrum und beherbergt die Büros der Gauleitung. Wir wissen auch von Betriebsappellen, Parteischulungen und NS-Tagungen in den Plenarsälen. Es gilt, diese Aneignung des Hohen Hauses zu erforschen, schon weil sie mit dem perfiden Argument erfolgt, dass das Parlament nun erst Sitz der 'wahren Volksvertretung' geworden sei."

Die sechs Themenkomplexe gehen folgenden Fragen nach:
Das Parlamentsgebäude als Machtzentrum: Wie nutzten die antidemokratischen politischen Systeme das Gebäude, das wie kein anderes ein Symbol für den Parlamentarismus ist?
Topographische Verortung: Welche Funktion wäre dem Wiener Parlamentsgebäude in der NS-Stadtplanung zugekommen?
Das Gebäude in seiner Materialität: Welche Veränderungen wurden zwischen 1933 und 1945 am Parlamentsgebäude selbst vorgenommen?
Das Gauhaus als Amtssitz: War das Gauhaus hermetischer Sitz einer autokratisch agierenden Gauleitung oder offenes Amtsgebäude und betretbar für jedermann?
Das Gauhaus als Arbeitsplatz: Wer arbeitete zwischen 1933 und 1945 im Parlamentsgebäude?
Zerstörung, Wiederinstandsetzung, Wiederaneignung: Wie erfolgte die Wiederinbesitznahme des symbolträchtigen Gebäudes durch die Organe der Zweiten Republik?

Ausgangspunkt für das nunmehrige Projekt war das im Jahr 2012 abgeschlossene Provenienzforschungsprojekt in der Parlamentsbibliothek, wobei rund 15.000 Bände überprüft wurden (siehe Meldung der Parlamentskorrespondenz Nr. 584/2013). Die Arbeiten dazu haben Fragen zur Nutzung des Parlamentsgebäudes aufgeworfen. (Schluss) jan

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