TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" Mittwoch, 24. Juni 2015, von Niolaus Paumgartten: "Die vielen Gesichter von Flucht und Asyl"

Innsbruck (OTS) - In der Debatte um Quoten, Kosten und Unterbringung von Flüchtlingen kommt oft der menschliche Aspekt zu kurz. Schicksale wie jenes der kosovarischen Familie in Volders geben den anonymen Zahlen und Massen wieder Gesichter.

Auf der einen Seite die Bilder der anonymen Massen in Zeltstädten, die bis zum Horizont reichen. Kinder, die den Rettern aus überfüllten Booten gereicht werden. Menschen in Schwimmwesten, die erschöpft am Strand liegen. Helfer mit Mundschutz und Handschuhen, die Gerettete untersuchen. Auf der anderen Seite die Aufnahmen der europäischen Staats- und Regierungschefs, die über Strategien beraten, wie mit dem Flüchtlingsstrom umzugehen ist. Ob Boote zerstört und Schlepper gejagt werden sollen. Wie viel der Einsatz im Mittelmeer kosten darf und ab wann jemand zu retten ist. Und in Österreich: Bürgermeister, die gegen Flüchtlingsheime mobilisieren, Freiheitliche und Sozialdemokraten, die Taferln schwenken. Unappetitliche Sager und Postings, fernab jeder Menschlichkeit und jedes Mitgefühls. Das alles und noch viel mehr gehört seit Monaten zum allgegenwärtigen Thema Flüchtlinge und Asyl. Und lässt sich bei Bedarf ganz einfach wegzappen, umblättern oder leiser drehen.
Da gibt es aber auch noch die Geschichten direkt vor der Haustüre, die es meist nicht so prominent in die Schlagzeilen schaffen. Geschichten von Nachbarn, die mit selbst gebackenen Kuchen die neuen Bewohner im Heim begrüßen. Von Flüchtlingsfamilien, die aufkochen und zu Tisch bitten. Von engagierten Lehrpersonen, die in ihrer Freizeit Deutsch-Nachhilfe geben. Oder Geschichten wie jene in Volders, wo sich Schüler, Lehrer und Eltern nicht mit der Abschiebung ihrer kosovarischen Freunde abfinden wollen.
Wo Kinder mit Unterschriftenlisten von Haus zu Haus gehen und nach dem ersten Tag bereits 540, inzwischen sogar rund 1500 Unterstützer gefunden haben. Wo ein engagierter Pfarrkurator gemeinsam mit der Pfarrgemeinde die Not der Familie erkennt und sie vom Flüchtlingsheim ins Widum einlädt. Ohne großes mediales Getöse zu veranstalten, ohne die Polizei zum Sündenbock zu machen, ohne die Behörden auszubremsen. Das so genannte "Kirchenasyl", das es rechtlich in Wahrheit gar nicht gibt, besteht im konkreten Fall darin, einer schutzbedürftigen Familie einen Ortswechsel zu ermöglichen und ihr die Gelegenheit zu geben, endlich einmal wieder befreit durchzuatmen. Volders erlebt in diesen Tagen etwas, das inmitten der täglichen Diskussionen rund um Quoten und Verteilungen, um Kosten, Zuständigkeiten und Quartiere einfach guttut: Solidarität und einen Akt der Menschlichkeit und Nächstenliebe.

Rückfragen & Kontakt:

Tiroler Tageszeitung
0512 5354 5101
chefredaktion@tt.com

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PTT0001