TIROLER TAGESZEITUNG: Leitartikel vom 23. Juli 2015 von Christian Jentsch - Kriegsspiele ersetzen Wachstumsrezepte

Innsbruck (OTS) - Die Kalten Krieger drohen Europa in ein neues Schlachtfeld zu verwandeln. Europa steht im Schatten der Schuldenkrise vor großen Herausforderungen, teure Kriegsspiele können wir uns schlicht und einfach nicht leisten.

Und sie gefallen sich wieder im Krieg-Spielen. Über 25 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer ist das Schreckgespenst des Kalten Krieges nach Europa zurückgekehrt. Im Machtpoker um die Ukraine werden emsig neue Gräben zwischen dem Westen und Russland ausgehoben. Ein ohnehin von der griechischen Schuldenkrise gebeuteltes Europa, das um seinen Zusammenhalt kämpfen muss, soll nach dem Willen der neuen Kriegstreiber wieder zum Schlachtfeld zwischen Ost und West werden. Russlands Präsident Wladimir Putin hat angekündigt, noch in diesem Jahr mindestens 40 neue atomwaffenfähige Interkontinentalraketen beschaffen zu wollen. Auch in Washington wird wieder ernsthaft über die Stationierung von Nuklearwaffen in Europa nachgedacht. Und das westliche Verteidigungsbündnis NATO lässt es bei Großmanövern in Osteuropa so richtig krachen. Politiker und Generäle gefallen sich im neuen Muskelspiel, es soll wieder aufgerüstet werden. Am Geld, das sonst angeblich an allen Ecken und Enden fehlt, soll es dabei nicht mangeln.
Der Konflikt um die Ukraine wurde zum Casus Belli. Während Moskau dem Westen - insbesondere den USA - vorwirft, seine Macht auf Kosten Russlands immer weiter bis an seine Grenzen auszudehnen, beklagen Washington, London und Berlin einen Rückfall Russlands in die Sowjet-Ära. Eines ist jedenfalls klar: Auf beiden Seiten verspüren die Kalten Krieger kräftigen Rückenwind. Keine Seite will auch nur um einen Millimeter zurückstecken. Eine Strategie, die freilich böse enden kann.
Das geeinte Europa ist eine Erfolgsgeschichte. Doch das neue Kriegsgeheul könnte das Ende der politischen Stabilität und der wirtschaftlichen Prosperität Europas bedeuten. Ein zerrissener Kontinent bleibt im globalen Wettkampf ein Leichtgewicht, die Mitbewerber können sich zufrieden die Hände reiben.
Die Politik in Europa ist gefordert. Im Schatten der griechischen Schuldentragödie, gewaltiger Flüchtlingsströme, des Vorrückens von Terrormilizen im Nahen Osten und wachsender Umweltprobleme geht es darum, Europa für neue Herausforderungen zu rüsten. Es gibt gewaltigen Nachholbedarf. Bisher übt man sich vorzugsweise im Verdrängen.
Gefragt sind intelligente Wachstumsrezepte und keine teuren Kriegsspiele, mit denen Europa an seinem eigenen Niedergang arbeitet.

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