TIROLER TAGESZEITUNG: Leitartikel vom 22. Juni 2015 von Gabriele Starck - Die Würde der Opfer verletzt

Innsbruck (OTS) - Die Auseinandersetzung, die sich am Wochenende an der Amokfahrt von Graz entzündete, war erbärmlich - von beiden Seiten. Nicht immer sollten menschenverachtende Tiraden in die Öffentlichkeit gehoben werden.

Manchmal sind Politik und Politisches fehl am Platz. Bei der Amokfahrt in Graz etwa. Die Gewalttat hatte keinen religiösen, kulturellen oder politischen Hintergrund, auch nicht im Geringsten. Es war das Verbrechen eines Österreichers, der in seinem Ego verletzt in der Innenstadt von Graz Menschen tötete - mit einem Auto als Waffe. In welchem Maße der Mann psychisch gestört ist, müssen Ärzte feststellen, ebenso wie Richter seine Schuld bzw. Schuldfähigkeit zu beurteilen haben.
Ist es nicht genug, dass drei Menschen - ein vierjähriger Bub, eine junge Frau sowie ein frisch vermählter Mann - starben und drei noch um ihr Leben ringen? Reicht es nicht, dass weitere 31 Menschen im Krankenhaus liegen und noch sehr viele mehr lange unter den seelischen Folgen des Miterlebten leiden werden? Daraus politisches Kleingeld zu schinden, ist erbärmlich, und doch geschah genau das. Aber nicht nur die menschenverachtenden Hassrülpser der - vorwiegend mit sich selbst - Unzufriedenen in den sozialen Netzwerken sind entbehrlich. Nein, auch die lautstarke Empörung darüber war an diesem Wochenende verzichtbar. Nicht, weil sie stattfand: Jeglicher Verhetzung ist vehement entgegenzutreten. Sondern dass die Empörung dermaßen und fast genüsslich zelebriert wurde und im Zuge dessen die verbalen Fehlgriffe zigmal wiederholt und so breitgetreten wurden. Daraus konnte ohnehin wieder einmal nur jene Partei Kapital schlagen, die den Hass gesät und die, statt Verantwortung dafür zu übernehmen, sich dann in ihrem Lieblingsschauspiel des missinterpretierten Politopfers geübt hat. Die Toten des Massakers wurden so ein Stück weit in ihrer Würde verletzt.
Angesichts dieser Überlagerung der tragischen Geschehnisse von Graz bekam sogar der sicher gut gemeinte Kondolenzbesuch der - thematisch derzeit nicht ganz unbelasteten - Innenministerin Johanna Mikl-Leitner einen schalen Beigeschmack. Ein Bundespräsident oder zumindest der Bundeskanzler vor Ort wären sehr viel angebrachter und keineswegs übertrieben gewesen.
Warum konnten die Menschenhasser - zumindest an so einem Tag - nicht in ihrem Sumpf gelassen werden? Warum hob man sie und ihre Tiraden ans Licht? An einem Tag, an dem der Trauer keine Worte gerecht werden konnten. An einem Tag, an dem es besser gewesen wäre, einfach einmal zu schweigen.

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