Tiroler Tageszeitung;Ausgabe vom 18. Juni 2015; Leitartikel von Christian Jentsch: "Das unerträgliche Spiel mit den Werten"

Innsbruck (OTS) - Selten zuvor wurde in der internationalen
Politik so viel von Werten gesprochen. Und doch sind die von Politikern viel zitierten Werte meist nichts als inhaltsleere Floskeln, die ganz und gar situationselastisch ausgelegt werden.

Das Instrumentalisieren von Werten steht auf dem verbalen Schlachtfeld der internationalen Politik wieder hoch im Kurs. Zumindest dann, wenn es darum geht, den Gegner zu diskreditieren. Vor dem Hintergrund der weiter zu eskalieren drohenden Ukraine-Krise verspüren die Kalten Krieger sowohl in Russland als auch im Westen wieder Rückenwind. Im wiederbelebten Ost-West-Konflikt beschwören sie gebetsmühlenartig eine Wertegemeinschaft, die vor allem militärisch Zähne zeigen müsse. Der freie Westen müsse sich behaupten, der Osten dürfe sich nicht mehr an die Wand spielen lassen - die Zündschnur ist gelegt. Die Polterer, die auf Konfrontation und ein neues Wettrüsten setzen, übertönen nur allzu oft jene, die zur Abrüstung der Worte und Taten auffordern. Wobei eines natürlich klar ist: Die immer wieder bemühte Wertegemeinschaft - auch die des demokratischen Westens -gibt sich äußerst "situationselastisch". Demokratiepolitische Verrenkungen bis weit über die Schmerzgrenze gehören zum politischen Spiel - Werte hin, Werte her.
Während Russland für den Bruch des Völkerrechts bei der Annexion der ukrainischen Schwarzmeerhalbinsel Krim (zu Recht) verurteilt und ins Eck der Bösen gestellt wurde, gelten woanders offenbar ganz andere Spielregeln. Kurz bevor sich die Weltenlenker der G7 im bayerischen Elmau zum Schulterklopfen trafen, wurde Ägyptens neuer starker Mann, Staatspräsident Abdel Fattah al-Sisi, in Berlin empfangen. Und auch der Rest Europas will die neuen Herrscher am Nil nicht verprellen. Dass die neuen Machthaber in Ägypten die Menschenrechte offensichtlich mit Füßen treten und für den Tod Tausender Demonstranten verantwortlich sind, soll offenbar nicht weiter stören. Zwar wird das jüngst bestätigte Todesurteil gegen Ägyptens ersten frei gewählten Präsidenten Mohammed Mursi kritisiert, lukrativen Geschäften soll es freilich nicht im Wege stehen. Und die Liste von Verbündeten und Freunden, die alles andere als Demokraten sind oder (und) das Völkerrecht vorsätzlich brechen, ließe sich noch lange fortsetzen. Doch nicht nur in Hinblick auf geostrategische und wirtschaftliche Interessen gibt man sich von Seiten der demokratisch-westlichen Wertegemeinschaft nach außen hin äußerst beweglich. Auch untereinander scheint man sich trotz Betonung der Blutsbrüderschaft keinen Zentimeter über den Weg zu trauen -Stichwort NSA-Skandal. Doch wer das scheinheilige Spiel mit den so genannten Werten auf die Spitze treibt, droht jegliche verbliebene Glaubwürdigkeit zu verlieren.

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