Tiroler Tageszeitung, Ausgabe vom 16. Juni 2015; Leitartikel von Irene Rapp: "Wo ist der mündige Konsument?"

Innsbruck (OTS) - Eine Million Tonnen Lebensmittel landen jährlich im Müll - für einen nicht unwesentlichen Teil davon sind private Haushalte verantwortlich. Grund genug, das persönliche Verhältnis zum Thema Essen einmal genauer zu betrachten.

Es ist zehn Jahre her, dass ein österreichischer Dokumentarfilm die Massen ins Kino lockte. "We feed the World" thematisierte erstmals in größerem Rahmen die Lebensmittelverschwendung. Und eine Aussage daraus ist wohl bei vielen hängengeblieben: In Wien wird täglich jene Menge an Brot als Retourware vernichtet, mit der Graz, die zweitgrößte Stadt Österreichs, versorgt werden könnte.
Zehn Jahre später mag dieser Satz ein wenig an Brutalität verloren haben. Immerhin hat es der Lebensmittelhandel geschafft, dass der Berg an Nahrungsmitteln, der täglich im Müll landet, kleiner geworden ist. 100.000 Tonnen Ware verderben pro Jahr im Handel, belegt eine neue Studie des Österreichischen Ökologie-Instituts. 11.000 Tonnen allerdings gehen an karitative Einrichtungen und Sozialmärkte. Zugegeben, da ist noch Luft nach oben, aber die ersten Schritte sind gesetzt.
Wie in Frankreich den Handel per Gesetz zu verpflichten, unverkaufte Nahrungsmittel zu spenden, wäre allerdings ein Schritt zu viel. Nicht nur wegen der Bürokratie, sondern weil die weit größeren Nahrungsmittelverschwender die privaten Haushalte sind. 300.000 Tonnen schmeißen Herr und Frau Österreicher jährlich in den Müll. Macht 300 Euro für jeden aus, die er quasi beim Fenster hinauswirft. Diesen Betrag sollte man vor dem Regal mit den "Zahl zwei, nimm drei"-Angeboten daher immer im Kopf haben. Denn die Ersparnis, über die man sich in dieser Sekunde freut, geht wieder verloren, wenn die Ware im Müll landet, weil man sie nicht konsumieren konnte. Die 300 Euro spielen aber auch eine Rolle, wenn wir den angeschnittenen Apfel, der braun geworden ist, in den Biomüll werfen. Oder Lebensmittel entsorgen, weil das Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten wurde, die Ware aber noch in Ordnung ist.
Womit wir schon mitten in einer längst überfälligen Neubetrachtung des Themas Essen sind: Warum darf ein Apfel, der qualitativ in Ordnung ist, optisch nicht ein wenig "missraten" sein? Und warum ist Essen heute so viel mehr als Befriedigung von Hunger und viel zu oft Mittel zur Belohnung oder Frustbekämpfung?
Eine Million Tonnen Lebensmittel landen pro Jahr in Österreich im Müll. Der mündige Konsument könnte viel dazu beitragen, diese gewaltige Menge zu reduzieren. In Frankreich ist jetzt auch geplant, dass die Verschwendung von Lebensmitteln in den Schullehrplan aufgenommen wird. Eine weitere überlegenswerte Möglichkeit, sich dieses zum Himmel schreienden Themas anzunehmen.

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