Tiroler Tageszeitung, Leitartikel, Ausgabe vom 12. Juni 2015. Von MARIO ZENHÄUSERN. "Unwürdige Salamitaktik".

Innsbruck (OTS) - Im Katastrophenfall beweisen die Soldaten des österreichischen Bundesheeres immer wieder aufs Neue, dass sie eigentlich unverzichtbar sind. Trotzdem lässt die Regierung nichts unversucht, um ihnen das Leben schwer zu machen.

Die Unwetter der vergangenen Tage haben gezeigt, welch unschätzbaren Wert unsere historisch gewachsenen ehrenamtlichen Strukturen darstellen. Feuerwehrmänner aus allen Teilen des Landes und zahlreiche Freiwillige aus anderen Organisationen stehen den betroffenen Menschen in Sellrain und See im Paznaun seit Tagen tatkräftig zur Seite. Durch ihre unbezahlbare Hilfe machen sie den Menschen, deren Existenz regelrecht davonzuschwimmen drohte, Mut. Sie eröffnen jenen neue Perspektiven, die in ein dunkles Loch zu fallen schienen. Deshalb gebührt ihnen auch einmal an dieser Stelle ein herzliches "Vergelt’s Gott".
Nicht weniger wichtig ist der Katastropheneinsatz des österreichischen Bundesheeres in Sellrain, See und bei der Überwachung der durch einen Erdrutsch bedrohten Wattenbergstraße. 1200 Manntage haben die Soldaten bisher geleistet, jeden Tag kommen weitere 400 dazu. Und das über einen Zeitraum, der bis jetzt nicht abschätzbar ist. Während nämlich die freiwilligen Helfer nach einer gewissen Zeit wieder ihrem Brotberuf nachgehen müssen, schaufeln die Soldaten, solange sie gebraucht werden. Sie demonstrieren, wie unverzichtbar ein einsatzfähiges Bundesheer im Ernstfall ist.
Dabei schlagen sich die militärischen Landesverteidiger seit geraumer Zeit mit existenziellen Problemen herum. Die Bevölkerung hat sich zwar bei einer Volksbefragung im Jänner 2013 für das Bundesheer, für die Beibehaltung der allgemeinen Wehrpflicht und gegen die Einführung eines Berufsheeres ausgesprochen. Die Bundesregierung scheint das aber kaum zu kümmern. Im Gegenteil. Seither zwingt sie dem Verteidigungsministerium einen Sparkurs auf, der nur einen Schluss zulässt: Das Heer soll ausgehungert werden.
Diese Haltung ist typisch. Statt sich ernsthaft mit der - durchaus diskussionswürdigen - Zukunft der militärischen Landesverteidigung zu befassen, lässt die Regierung das heiße Eisen unberührt. Lieber abwarten, bis sich das Problem aufgrund fehlender Budgetmittel irgendwann von selbst löst.
Trotz dieser unwürdigen Salamitaktik ist die Moral der Truppe ungebrochen, wie das große Engagement der Offiziere und Soldaten beim Hilfseinsatz in See und Sellrain beweist. Sie hätten sich mehr Wertschätzung verdient. Vor allem von der Politik, die endlich eine Entscheidung treffen soll, wohin die Reise gehen wird. Die Österreicherinnen und Österreicher haben sich bekanntlich bereits entschieden.

Rückfragen & Kontakt:

Tiroler Tageszeitung
0512 5354 5101
chefredaktion@tt.com

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PTT0001