GLOBAL 2000-Bienenuntersuchung: Effizienz des Neonic-Verbots bestätigt

Aber: Pestizidcocktails mit „Ersatz-Neonicotinoid“ Thiacloprid bringen neue Gefahr.

Wien (OTS) - Mit Blick auf die bevorstehende Entscheidung über Verlängerung oder Aufhebung des EU-Moratoriums für drei bienengefährliche Neonicotinoide und das Insektizid Fipronil untersuchte die österreichische Umweltschutzorganisation GLOBAL 2000 zwölf ausgewählte Bienenstandorte im Burgenland, in der Steiermark, in Nieder- und Oberösterreich auf ihre Belastung durch Pestizide sowie durch zehn der häufigsten Krankheitserreger für Bienen. "Das Ergebnis ist brisant: Denn während die verbotenen Neonicotinoide Imidacloprid, Thiamethoxam und Clothianidin sowie das Insektizid Fipronil in keinem der zwölf untersuchten Bienenstandorte nachweisbar waren, fanden wir in zwei Drittel der untersuchten Bienenvölker das (noch) nicht verbotene Neonicotinoid Thiacloprid als Bestandteil eines für Bienen gefährlichen Pestizidcocktails", sagt Helmut Burtscher, Umweltchemiker von GLOBAL 2000.

Obwohl aktuelle Forschungen aus Deutschland zeigen, dass Thiacloprid bereits in umweltrelevanten Konzentrationen das Orientierungsvermögen und die Kommunikationsfähigkeit der Bienen beeinträchtigt, ist das Pestizid bislang von den EU-weiten Neonic-Verboten ausgenommen und wird von den Zulassungsbehörden sogar als "bienenverträgliches" Insektizid der Klasse B4 eingestuft. Begründet wird dies vor allem damit, dass die akute Bienengiftigkeit des isolierten Wirkstoffs relativ niedrig ist, nämlich um rund drei Zehnerpotenzen niedriger ist als jene der verbotenen Neonicotinoide. "Doch das trifft leider nur auf den isolierten Wirkstoff zu", erklärt Burtscher. "Denn wenn Thiacloprid gleichzeitig mit anderen Pestizidwirkstoffen wie Piperonylbutoxid oder sogenannten "Azolfungiziden" wie Propiconazol auf die Bienen einwirkt, steigert sich laut einer 2004 publizierten US-amerikanischen Studie seine Bienengiftigkeit um das 154- bzw. das 559-fache. Daher ist die Tatsache, dass acht der zwölf untersuchten Bienenstandorte eben solch explosive Pestizidmischungen aus Thiacloprid und Piperonylbutoxid bzw. aus Thiacloprid und Tebuconazol - ein mit Propiconazol chemisch verwandtes Azolfungizid - aufweisen, äußerst besorgniserregend."

Neben der Belastung durch Pestizide waren an allen untersuchten Bienenstandorten Viren und Bienenparasiten nachweisbar. Dabei kamen auf ein Bienenvolk durchschnittlich zwei bis drei Krankheitserreger. "Die Studie zeigt einmal mehr, dass die Bienenvölker einem hohen Infektionsdruck durch verschiedene Krankheitserreger ausgesetzt sind und eine funktionierende Immunabwehr bei Honigbienen daher besonders wichtig ist", sagt Roland Netter, Imker aus Niederösterreich und Studienteilnehmer: "Stressfaktoren wie Klimawandel, fehlende Blütenvielfalt aber auch Pestizide schwächen die Fähigkeit der Bienen, mit der Herausforderung durch Parasiten und Viren zurecht zu kommen. Die Freude darüber, dass die drei verbotenen Neonicotinoide nach Jahren endlich aus meinen Bienenvölkern verschwunden sind, wird durch den nun festgestellten toxischen Pestizidcocktail deutlich getrübt."

Die Anwendung von Imidacloprid, Thiamethoxam, Clothianidin und Fipronil wurde 2013 von der EU-Kommission aufgrund nicht akzeptabler Risiken für Bienen weitgehend eingeschränkt bzw. verboten. Die Pestizidhersteller Bayer, Syngenta und BASF - in Österreich vertreten durch die Industriegruppe Pflanzenschutz (IGP) - hatten daraufhin die EU-Kommission geklagt. Sie behaupten, dass sich kein Zusammenhang zwischen Bienenverlusten und Pflanzenschutzmitteln herstellen lasse, sondern vielmehr Parasiten wie die Varoamilbe für die Bienenverluste hauptverantwortlich seien. Warnungen von Imkern und Umweltschützern vor einem Rückgang der bestäubenden Insekten werden als populistische Angst- und Panikmache abgetan, unter Verweis auf eine weltweit steigende Zahl an Honigbienenvölker.

Den burgenländischen Imker Konrad Schneider, einen pensionierten Volksschuldirektor, der seine Bienenstöcke in Deutsch Jahrndorf stehen hat, ärgert letzteres Argument der Pflanzenschutzmittelindustrie besonders: "Jahr für Jahr verlor ich zwischen 30 und 80 Prozent meiner Bienenvölker. Ich habe jedes Jahr wieder neue Bienen nachgezüchtet, weil ich nicht aufgeben will. Ich bin mit meinen Bienen in einem Trappenschutzgebiet. Dennoch nimmt der Pestizideinsatz von Jahr zu Jahr zu. Die Störche bleiben aus, weil sie keine Heuschrecken mehr finden. In den Pfützen sieht man keine Insektenlarven und keine Frösche mehr. Schmetterlinge und Wildbienen werden von Jahr zu Jahr seltener. Die Honigbienen kann ich nachzüchten, Wildbienen und andere Arten jedoch nicht."

Die Ergebnisse dieser Untersuchung verlangen nach Antworten. Am 25. Juni 2015 lädt GLOBAL 2000 VertreterInnen aus Politik, Wissenschaft, Imkerschaft, Landwirtschaft und Pflanzenschutzmittelindustrie zu einer "Meet the Bees" Round Table-Diskussion, bei der unter anderem auch zur Debatte stehen wird, welche politischen und regulatorischen Maßnahmen die neuen Erkenntnisse notwendig machen.

Besonders im Mittelpunkt steht die Biene derzeit im Rahmen der ORF-Umweltinitiative MUTTER ERDE. Nähere Infos unter www.muttererde.at

Weitere Infos zum Thema Bienen unter www.global2000.at/bienen

GLOBAL 2000-Untersuchungsergebnisse von zwölf Bienenstandorten auf Pestizide und Krankheitserreger unter http://bit.ly/1C01dYY

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GLOBAL 2000 Umweltchemiker: DI Dr. Helmut Burtscher, 0699 14 2000 34, helmut.burtscher@global2000.at

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