Was nützen neue Medikamente?

FOPI-Stakeholderdialog: „Umfassende Nutzenbewertung aus Patientensicht“

Wien (OTS) - Innovative Arzneimittel leisten einen wesentlichen Beitrag zu einem nachhaltigen Gesundheitssystem. Klingt nicht nur einleuchtend, sondern ist auch mit Zahlen belegbar. Wie aber kann dieser Beitrag gemessen werden? Wer profitiert von Innovationen -abgesehen von Betroffenen? Stimmt es, dass vor allem die Pharmaindustrie zu den Gewinnern zählt? Und: Halten neue Medikamente das, was Betroffenen davon versprochen wird? Darüber bzw. über die Nutzenbewertung von Innovationen wurde am 10. Juni 2015 beim zweiten Stakeholderdialog, der durch das Forum der forschenden pharmazeutischen Industrie in Österreich (FOPI) initiiert wurde, mit Betroffenen, medizinischen Experten und Vertretern aus Ärztekammer, Ministerien etc. diskutiert. FOPI-Präsident Mag. Ingo Raimon, FOPI-Arbeitsgruppenleiterin "Responsibility" Dr. Elisabeth Prchla, Dr. Franz Latzko, Fachverband der Chemischen Industrie Österreich und Medizinethiker Univ.-Prof. DDr. Matthias Beck waren sich einig: Es darf nicht sein, dass im Hinblick auf innovative Therapien rein über Kosten diskutiert wird.

Die Entwicklung innovativer Arzneimittel ist risikoreich und kostet Geld. Sie deswegen ausschließlich auf den Preis zu reduzieren, ist aber zu wenig. Denn Fakt ist: Die pharmazeutische Industrie entwickelt nicht nur möglichst wirksame und sichere Arzneien, sondern verfolgt damit auch das Ziel, die Einnahme zu erleichtern, die Verträglichkeit zu verbessern und die Therapietreue zu steigern. Darüber hinaus gehe der gesamtwirtschaftliche Nutzen wesentlich weiter, betont FOPI-Präsident Mag. Ingo Raimon: "Innovationen im Arzneimittelbereich führen zu Kosteneinsparungen im ganzen Gesundheitssystem, aber u. a. auch zu kürzeren Krankenstandzeiten, einer Verringerung von Produktivitätsausfällen und Ersparnissen im Sozialbereich durch Vermeidung von gesundheitsbedingten Pensionierungen."

Bewusstsein schaffen

Kosten, die heute für neue Medikamente ausgegeben werden, tragen morgen dazu bei, im Gesundheitswesen Geld zu sparen. Allein: "Unser Gesundheitssystem ist so ausgelegt, dass diese Rechnung oft nicht angestellt wird. Die breite Bevölkerung sollte das allerdings wissen", gibt FOPI-Arbeitsgruppenleiterin Dr. Elisabeth Prchla zu Bedenken. Und Dr. Franz Latzko, Fachverband der Chemischen Industrie, fügt hinzu: "Die Pharmabranche hat die höchste Reinvestitionsquote ihrer Umsätze und leistet damit einen wichtigen Beitrag, um die Herausforderungen der Zukunft zu meistern." Fast ein Fünftel des Umsatzes wird in F&E investiert. Doch es dauert im Schnitt rund 10 Jahre, bis neue Arzneimittel auf den Markt und damit Betroffenen zugute kommen. "Werden bei den Preisen zu große Abstriche erzwungen, würden Investitionen in den medizinischen Fortschritt wegfallen und sich Innovation deutlich verlangsamen", warnt Latzko.

Nutzenbewertung: Alle profitieren

Es gilt also, bei der Bevölkerung ein Bewusstsein für den weitreichenden Nutzen neuer Medikamente zu schaffen und damit auch für das Thema "Nutzenbewertung". Über Letzteres werde derzeit, so Prchla, allerdings nur im stillen Kämmerlein gesprochen und das obwohl der Kostendruck immer größer werde. "Ein gesamtgesellschaftlicher Konsens darüber, welche Therapien für wen erstattet werden (1), ist unerlässlich."

Der Preis eines neuen Arzneimittels orientiert sich in erster Linie am Nutzen, den es im Vergleich zu bisherigen Behandlungsmöglichkeiten bietet (verbesserte Wirksamkeit, optimiertes Sicherheitsprofil, bessere Anwendbarkeit und Verträglichkeit, positiver Einfluss auf die Lebensqualität). Neben direkten Optimierungen kommen sektorenübergreifende Nutzen-Parameter wie z. B. Kosteneinsparungen im Spitalssektor oder Sozialsystem hinzu. Überdies ersetzt eine Arzneimittel-Innovation vielfach andere Therapien, sodass zusätzliche Ausgaben bzw. höhere Kosten zumindest teilweise kompensiert werden.

"Die Sozialversicherungen tendieren zunehmend dazu, Preisdruck aufzubauen, und folgen damit rein kurzfristigen, ökonomischen Sparzielen", konstatiert Latzko. Dabei müsse betont werden, "dass die Sozialversicherungen das Geld der Versicherten verwalten, die einen gesetzlichen Anspruch auf eine optimale Therapie im Erkrankungsfall haben." Welches die optimale Therapie ist, kann allerdings nur durch eine Nutzenbewertung unter Einbeziehung aller Faktoren entschieden werden.

Fehlender Ausgleich zwischen Kostenträgern und Nutznießern

Das Problem: Durch die in Österreich gängige Trennung der Mittel in einen extra- und intramuralen Bereich (d. h. außerhalb und innerhalb der Spitäler) mit unterschiedlichen Finanzierungsquellen ist nicht sichergestellt, dass der Zahler einer Leistung schlussendlich auch von etwaigen Einsparungen profitiert. Damit nicht genug, vergrößert sich die Diskrepanz zwischen Kostenträgern und Nutznießern, sofern gesamtwirtschaftliche Effekte berücksichtigt werden.

Ein Beispiel: In Österreich beträgt die gesamtwirtschaftliche Belastung durch Krebs 2,6 Mrd. Euro pro Jahr (2). Die direkten krankheitsbezogenen Kosten (ambulant und stationär, Notfallbehandlung, Medikamente) belaufen sich auf 1,2 Mrd. Euro -weniger als die Hälfte der Gesamtkosten. Hingegen beträgt der wirtschaftliche "Schaden" infolge von vorübergehender oder dauerhafter Arbeits- oder Erwerbsunfähigkeit jährlich 136 Mio. Euro und sogar bis zu 750 Mio. Euro aufgrund vorzeitigen Versterbens von Mitarbeitern, die an Krebs erkranken. Der Rest der indirekten Kosten (550 Mio. Euro) wird dadurch verursacht, dass Angehörige und Freunde die Betroffenen betreuen - unentgeltlich wohlgemerkt.

Persönliche Verantwortung erfordert Wissen

Abgesehen von Kosten und Nutzenüberlegungen haben freilich auch Lebensstil und Innenleben der Menschen sehr große Auswirkungen auf Krankheit und Gesundheit, wie Medizinethiker Univ.-Prof. Dr. Dr. Matthias Beck vom Institut für Systemische Theologie, Universität Wien, betont: "So besagt etwa die Psychoneuroimmunologie, dass ständige innere Unstimmigkeit, Unglücklichsein oder Depressionen das Immunsystem unterdrücken und z. B. Infektionserkrankungen oder Krebs leichter ausbrechen können."
Über derart weitreichende Zusammenhänge muss die Bevölkerung informiert werden. Auch weil jeder eine persönliche Verantwortung für seine Krankheit und Gesundheit hat, die er aber nur mit entsprechendem Wissen wahrnehmen kann. Auch hierfür spielt die Nutzenbewertung eine wichtige Rolle. "Der Patient sollte immer mehr an seiner Gesunderhaltung oder Gesundwerdung mitwirken", konstatiert Beck.

Schulterschluss für zukunftsweisendes Gesundheitssystem

Im Namen des FOPI macht sich Präsident Raimon für einen Schulterschluss von Sozialversicherungsträgern, Spitalserhaltern, der pharmazeutischen Industrie und den Pensionsversicherungen stark. "Wir müssen in die Erforschung einer besseren Datenlage für die Bewertung und den besonders sektorenübergreifenden Nutzen von Arzneimitteln investieren. Schließlich geht es auch darum, die richtige Leistung zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort mit der optimalen medizinischen und pflegerischen Qualität gesamtwirtschaftlich möglichst kosteneffizient zu erbringen."

(1) Über die Erstattungsfähigkeit von Medikamenten berät in Österreich die Heilmittelevaluierungskommission. An dieser Stelle versucht der Fachverband der Chemischen Industrie Österreich - zu dessen Betreuungsportfolie die Pharmabranche gehört - die Sichtweise der Firmen zu vertreten.

(2) Quelle: Luengo-Fernandes R. et al, Economic burden of cancer across the European Union: a population-based coast analysis, The Lancet (Oct. 14, 2013)

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