Regierung will Ausbildung bis 18 verpflichtend machen

BR-Enquete: Bildungssystem maßgeblich im Kampf gegen Jugendarbeitslosigkeit

Wien (PK) - Vor welchen Herausforderungen arbeitslose Jugendliche ohne Ausbildung stehen, was das für den heimischen Arbeitsmarkt bedeutet und wie das Bildungswesen gegensteuern kann: diesen Fragen widmeten sich eingehend die ExpertInnen bei der heutigen Enquete des Bundesrats "Schlummernde Talente: Perspektiven für Jugendliche und junge Erwachsene (NEETs)" . Einig waren die RednerInnen, zur Verbesserung der Zukunftschancen von Jugendlichen und jungen Erwachsenen brauche es vor allem eine gute Bildung, die für den Arbeitsmarkt qualifiziert und zielgerichtet Stärken fördert.

"AusBildung bis 18"-Initiative soll 2016 starten

"Alle unter 18-jährigen sollen nach Möglichkeit eine über den Pflichtschulabschluss hinausgehende
Ausbildung abschließen", zitierte Sonja Schmöckel vom Sozialministerium (BMASK) aus dem aktuellen Regierungsprogramm. Neun Jahre Schulbildung würden einfach für die bestehenden Anforderungen am Arbeitsmarkt nicht mehr ausreichen. Unter dieser Maxime setzte die Bundesregierung gemeinsam mit Ländern, Gemeinden, Sozialpartnern und Arbeitsmarktservice (AMS) die Initiative "AusBildung bis 18" um, beginnend mit den PflichtschulabsolventInnen im kommenden Schuljahr und im Vollausbau ab 2016/2017. Ein Gesetzesentwurf dafür befinde sich derzeit in Ausarbeitung. Entsprechend den Interessen und Bedürfnissen jeder/s Einzelnen würden den jungen Menschen in Kooperation mit den Schulen schon frühzeitig verschiedene Angebote gemacht, skizzierte die Expertin für Arbeitsmarktförderung: vom Besuch einer höheren Schule, der Absolvierung einer dualen Ausbildung oder einer reintegrativen arbeitsmarktpolitischen Maßnahme bis hin zur Teilnahme an einem Programm für Jugendliche mit besonderem Unterstützungsbedarf. "Junge Menschen, die keinen über die Pflichtschule hinausgehenden Abschluss verfügen, haben ein dreifaches Arbeitslosigkeitsrisiko", brachte Schmöckl die Problematik auf den Punkt. Ein Fünftel dieser Personengruppe sei armutsgefährdet. Finanzielle Sanktionen sollen laut Schmöckel möglichst vermieden werden, wenn Minderjährige nicht an der Ausbildungsinitiative teilnehmen, weil dadurch "Personen zusätzlich belastet wären, die ohnehin sozial schwächer sind, und eine Verhaltens-und Bewusstseinsänderung damit kaum verbunden sein würde". Strafzahlungen wären somit erst "gegebenenfalls am Ende eines langen Unterstützungsprozesses" anzudenken.

Wie berufliche und soziale Re-Integration konkret aussehen kann, beschrieb Sebnem Ertl, Direktorin der Produktionsschule Leonding bei Linz. Diese Einrichtung des Berufsförderungsinstitut bfi ermögliche jungen Menschen zwischen 16 und 24 Jahren, "die maximal einen Pflichtschulabschluss vorweisen können", erste Schritte in Richtung geregelter Berufsausbildung zu setzen. Psychosoziale Betreuung auf freiwilliger Basis und fachliche Begleitung durch FachtrainerInnen gingen an der Produktionsschule bei der handwerklichen und persönlichen Entwicklung der Jugendlichen, die zu 75% Migrationshintergrund haben, Hand in Hand. Kontaktschwierigkeiten zwischen Schulteam und TeilnehmerInnen bzw. deren Eltern gebe es aufgrund der unterschiedlichen Migrationsbiographien der BetreuerInnen kaum, so Ertl. Nicht nur die Aneignung theoretischen Wissens stehe im Fokus des pädagogischen Konzepts, sondern auch die Integration als respektvoller Umgang mit verschiedenen Kulturen, Denkweisen und Werten. "Die Jugendlichen sollen fähig sein, ihr Leben selbstbestimmt und eigenverantwortlich meistern zu können", betonte die im Vorjahr als Integrationsbotschafterin Ausgezeichnete, deren Eltern als Arbeitsmigranten in den 1960er Jahren aus der Türkei eingewandert waren.

Näher auf die psychosoziale Dimension von Arbeitslosigkeit in jungem Alter ging Allgemeinmediziner Dieter Schaufler ein. "Sinngebende Arbeit" nannte der Präsident der Österreichischen Gesellschaft für tiergestützte Therapie und Leiter des Zentrums Mauritiushof im Waldviertel als bestes Mittel, arbeitslose Jugendliche aus dem Gefühl der Wertlosigkeit herauszuführen. Der Mauritiushof biete als echter landwirtschaftlicher Betrieb jungen Leuten ohne Perspektive jene "Unterstützung zur Selbsthilfe", die sie benötigten, um eigenverantwortlich über ihr Fortkommen zu entscheiden. Bedeutend seien dabei der geregelte Tagesablauf, abgestimmt auf die artgerechte Versorgung der Tiere und Erfolgserlebnisse in der Arbeit sowie die Vermittlung von sozialen Kompetenzen wie "Teamfähigkeit" durch professionelle BegleiterInnen.

Bildungssystem als Sprungbrett in die Arbeitswelt

Österreich habe zwar im EU-Vergleich eine relativ geringe Zahl an SchulabbrecherInnen und dank der dualen Berufsausbildung ein gutes Instrument gegen Jugendarbeitslosigkeit, räumte Johannes Kopf, Vorstand des Arbeitsmarktservice (AMS), ein. Doch biete der heimische Arbeitsmarkt für jene, die keinerlei Abschlüsse besitzen, kaum Möglichkeiten beruflich Fuß zu fassen. "In den letzten 24 Jahren ist die Arbeitslosenquote von Personen mit maximal Pflichtschulabschluss von 9% auf rund 24% gestiegen, hat sich also mehr als verdoppelt!" zeigte er auf und folgerte, vor allem das Bildungssystem sei hier gefragt. Erst nach Ende der Schulpflicht mit arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen anzusetzen, um "ausgrenzungsgefährdete Jugendliche" bei der gesellschaftlichen Integration zu unterstützen, sei oftmals zu spät. Anzusetzen sei am besten schon bei der frühkindlichen Erziehung, um nachhaltig sozial bedingte Chancenungleichheiten auszuräumen, hielt der AMS-Chef fest.

Welche Lösungen die Wirtschaft in Sachen Ausbildungs- und Berufswahl anbietet, beschrieb Peter Zeitler, Vorstand der WKO-Abteilung für Bildungspolitik. Mit kostenlosen Angeboten der Berufsorientierung bemühe sich die Wirtschaftskammer Österreich (WKO) um eine "stärkere Verankerung der Berufsinformation in den Schulen", erklärte er. Immerhin sei die Wirtschaft als Betreiberin der Lehrstellen ein Garant für das duale System der Berufsausbildung und habe großes Interesse an gutqualifizierten Fachkräften. Positiv vermerkte Zeitler, mit der Lehrplannovelle für allgemeinbildende höhere Schulen werde auch in den AHS-Unterstufen ab dem Schuljahr 2016/2017 eine verpflichtende Unterrichtsstunde Berufsorientierung eingeführt; jedoch brauche es insbesondere an den Schnittstellen am Ende der Schulpflicht bzw. der Sekundarstufe II festgelegte Mindeststandards, auf die hinzuarbeiten ist, denn "in allen Bildungsbereichen soll anstatt einer negativen Auslese die optimale Förderung und Entwicklung aller Talente und Potentiale im Vordergrund stehen".

Um verfrühte Bildungsabbrüche zu verhindern, zog Arbeiterkammer-Bildungsexperte Richard Meisel nach, müsse bei Leistungsschwächen und häufigen Fehlstunden in der Schule möglichst bald interveniert werden. Einige Modelle dafür gebe es bereits - etwa "Stop Dropout Programme" an berufsbildenden höheren Schulen oder niederschwellige Maßnahmen wie die von Ertl beschriebenen Produktionsschulen. Nötig sei aber noch ein Ausbau der Berufsorientierung an der 9. Schulstufe, meinte er ähnlich wie Zeitler, und eine stärkere Mitwirkung der Schulen, Schulabbruch bei ihren SchülerInnen zu verhindern. Kooperation und Vernetzung zwischen Schulsozialarbeit, Jugendcoaching, LehrerInnen und Schulpsychologie würden sich hier positiv auf die weiteren Bildungsverläufe auswirken: "Vor allem bildungsbenachteiligte Gruppe profitieren überproportional von der verbesserten Zusammenarbeit", zeigte sich Meisel überzeugt.

Zum leichteren Einstieg in die Arbeitswelt bedürfe es neben einer gezielten Berufsorientierung in der Klasse einer umfassenderen schulischen Förderung, bestätigte Christian Morawek vom Österreichischen Verband der Elternvereine an öffentlichen Pflichtschulen, der in diesem Zusammenhang auch eine Lanze für qualitativ hochwertige Elementarbildung ab dem 1. Lebensjahr brach. Er sieht überdies die zielführendste Möglichkeit zur Förderung der SchülerInnen in ganztägigen Schulen, vor allem in der verschränkten Form, da sie im Vergleich zu klassischen Halbtagsschulen kostenlose Stütz- und Förderkurse in einem vertrauten Umfeld an Stelle teurer Nachhilfe böten. Ein Manko im heimischen Bildungswesen ist für Morawek auch "die frühe Trennung der Bildungswege" nach der 4. Schulstufe, da eine Fehlentscheidung im Alter von 10 oftmals zu einer "Unlust zu lernen" führe.

Eigene Ziele zu definieren und zu verfolgen, diese Fähigkeit müsse die Schule Jugendlichen vermitteln, damit sie selbstverantwortliche Bildungs- und Berufsentscheidungen in einer immer komplexer werdenden Arbeitswelt treffen, resümierte Andrea Fraundorfer, im Bildungsministerium zuständig für Begabungs- und Begabtenförderung sowie Reduktion der Schulabbrecherquote. Die "AusBildung bis 18"-Initiative sei hier neben dem Ausbau ganztätiger Schulformen und eines sensiblen Umgangs der Schulstandorte mit potentiellen SchulabbrecherInnen eine wichtige Maßnahme. "Prävention, Intervention und Kompensation", diese Strategien müssten im Bildungswesen ineinandergreifen, um die vielfältigen Risikofaktoren für einen Schulabbruch - von gesundheitlichen Einschränkungen bis zum sozioökonomischen Milieu - bestmöglich auszugleichen. (Schluss Enquete) rei

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