TIROLER TAGESZEITUNG, Ausgabe vom 23.05.2015, Leitartikel von Christian Jentsch: "Ein Monster wurde von der Kette gelassen"

Innsbruck (OTS) - Sie eilen von Sieg zu Sieg: Vergangenes Wochenende überrannten Kämpfer der Terrormiliz "Islamischer Staat" die westirakische Stadt Ramadi. Am Mittwoch eroberten sie die strategisch wichtige syrische Oasenstadt Palmyra mit ihren zum Weltkulturerbe zählenden, antiken Stätten. Bereits seit Juni des Vorjahres wehen in der nordirakischen Großstadt Mossul die schwarzen Fahnen der Terrormiliz.
In Syrien gehört bereits die Hälfte des Staatsgebietes zum selbsternannten Kalifat der Islamisten. Und ein Ende des Vormarsches ist nicht in Sicht. Die von den USA angeführte und den arabischen Verbündeten oft nur widerwillig unterstützte Militärkoalition kann mit ihren Luftschlägen ohne Unterstützung von Bodentruppen nur wenig ausrichten, die irakische Armee präsentiert sich als unorganisiert und schlecht motiviert und die Truppen des syrischen Regimes scheinen im Bürgerkrieg immer mehr in die Defensive zu geraten.
Wobei eines ganz klar ist: Im vom Bürgerkrieg verwüsteten Syrien und dem ethnisch und religiös gespaltenen Irak, in dem die gescheiterte US-Invasion tiefe Gräben aufgerissen hat, finden die Jihadisten einen idealen Nährboden für ihren Aufstieg. Syrien präsentiert sich nach über vier Jahren Bürgerkrieg als Hölle auf Erden. Präsident Assad, der die ersten Zuckungen des Arabischen Frühlings in seinem Land brutal niederschlagen ließ, entfachte einen Krieg, der ganze Landstriche und Städte verwüstete und bis heute weit über 200.0000 Tote hinterließ. Religiöse und ethnische Trennlinien wurden gezogen, Hass geschürt. Und noch immer lassen Assads Truppen Fassbomben auf Zivilisten regnen.
Im Elend, in der Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit wurde ein Monster geboren. Ein Monster, das viele Helfer gefunden hat. Denn Syrien und der Irak sind im grausamen Spiel um eine neue Ordnung im Nahen Osten längst zum Spielball der Groß- und Regionalmächte geworden. So führen der Iran und Saudi-Arabien ihren Krieg um die Vormachtstellung in der Region neben den Schlachtfeldern im Jemen vor allem auf syrischem Boden: Teheran stützt - übrigens ebenso wie Moskau, das jede Intervention verhinderte - Diktator Assad. Von der Arabischen Halbinsel und auch vonseiten der Türkei kommt auf der anderen Seite Unterstützung für islamistische Gruppen, die Assad stürzen und ihr eigenes Reich errichten wollen. Auf dem Schachbrett der Weltpolitik brachte jede Seite ihre Bauernopfer in Position. Und züchtete ihre Günstlinge. Heute bringt der IS nicht nur den Nahen Osten ins Wanken. Ein Monster wurde von der Kette gelassen.

Rückfragen & Kontakt:

Tiroler Tageszeitung
0512 5354 5101
chefredaktion@tt.com

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PTT0001